Verdun

Die Schlacht von Verdun.

Vorbereitung

Erich von Falkenhayn

Kriegsminister Erich von Falkenhayn wurde bereits im September 1914 Nachfolger Moltkes als Generalstabschef.

Die Frage ‘Was werden die Deutschen tun?’ bewegte Anfang 1916 die französischen und britischen militäri­schen Führungsstellen. Die Deutschen hatten einen er­staunlichen Handlungsspielraum gewonnen, denn Russland schien am Ende seiner Kraft. Im Westen war den Franzosen und Briten kein Durchbruch gelungen. Im Nahen Osten und im Osmanischen Reich sah die Lage gut aus. Serbien war niedergeschlagen und besetzt, Bulgarien auf Seite der Mittelmächte in den Krieg eingetreten, der Weg in den Orient war wieder offen. Rumänien hat sich bisher nicht der Entente angeschlossen und die Alpenfront gegenüber Italien war unbezwingbar.

Das methodische Vorgehen des deutschen Generalstabschefs v. Falkenhayn schien sich zu bewähren. Die Sektion IIIb West des deutschen Generalstabes – der für die Westfront zuständige Geheime Nachrichtendienst -ließ Gerüchte kursieren und dem Gegner irreführende Mel­dungen über die deutschen Absichten zuspielen: Gene­ralfeldmarschall August von Mackensen stünde mit 300.000 Mann bei Mülhausen. Aber auch bei Dünkir­chen, Amiens und Belfort, so hieß es, bereiteten die Deutschen den Angriff vor.

Tatsächlich gelang es, die Vorbereitungen für den An­griff auf Verdun zu verschleiern. Die weiten Wälder nördlich und östlich der Festung verbargen den stärk­sten Aufmarsch deutscher Artillerie, den es bisher ge­geben hatte, vor den Beobachtern der französischen Aufklärungsflugzeuge. Der Beginn des Unternehmens ‘Waldfest’ war für den 12. Februar 1916 angesetzt, mußte aber wegen Nebel und Regen verschoben wer­den. In dieser Zeit des Wartens entdeckten zwar die Franzosen die deutsche Bereitstellung; sie wurde je­doch für eine Finte gehalten.

Angriff

Deutsche Artilleristen bedienen eine 210-mm-Haubitze

Deutsche Artilleristen bedienen eine 210-mm-Haubitze im Einsatz gegen Verdun.

In der Morgenfrühe des 21. Februar endlich donnerten 1.500 deutsche Geschütze, auf engem Raum konzen­triert, und deckten die französischen Stellungen mit ei­nem bis dahin noch nicht erlebten Feuer ein. Um 17 Uhr begann der Vorangriff. Leutnant Scblömer vom Infanterieregiment 159 kritzelte in sein Tagebuch: ‘Ohne Verluste erreichten die erste und zweite Welle die feindlichen Grabenstellungen und drangen in das dichte Unterholz des Haimontwaldes ein … Die zweite Stellung wurde von der Besatzung noch mit verzweifelter Anstrengung gehalten. Nach 20 bis 30 Minuten hat­ten wir uns so dicht an sie herangearbeitet, daß wir sie mit Handgranaten belegen konnten … Der Musketier Heimich Eggenkämper aus Rheine warf einem Franzo­sen, der gerade stehend auf mich anlegen wollte, einen Erdklumpen in das Gesicht. . . Erstaunt ließ der Franz­mann sein Gewehr fallen.’

Truppen Artillerie
Deutsche Fünfte Armee (Kronprinz, Knobelsdorf) 140.000 Mann aus 10-19 Divisionen 1.220 Geschütze (654 schwere)
Französischer Festungsbereich Verdun (Herr)" 150.000 Mann in 6 Divisionen mit 60 Forts 270 Geschütze

Am nächsten Tag stürmten 4 Armeekorps und kamen verhältnismäßig gut vorwärts. Am 25. Februar nahmen Teile des brandenburgischen Infanterieregiment 24 im Handstreich das Fort Douaumont. Doch am folgenden Tag versteifte sich der französische Widerstand. Der deutsche Angriff hatte sich festgefressen. Etwa acht Ki­lometer weit waren die französischen Linien auf die Fe­stung zurückgedrängt worden. Nun kam es zur mörde­rischsten Schlacht der Weltgeschichte, die ein dreivier­tel Jahr, bis in den Dezember hinein, andauern sollte. Es war eine Schlacht der Artillerie. Wenn im Krieg 1870/71 statistisch noch auf 350 Soldaten ein Geschütz gerechnet wurde, so kam nun ein viel wirksameres Ge­schütz auf 60 Soldaten. Theoretisch konnten die 36 Ge­schütze eines Feldartillerieregiments innerhalb von drei Monaten ebenso viele Granaten verfeuern wie die ge­samte deutsche Artillerie im Krieg 1870/71 verschossen hatte: 670.000 Stück. In den 30 schlimmsten Kampfwo­chen hagelten 1,35 Millionen Stahl – 135.000 Waggonla­dungen voll Granaten – auf das Schlachtfeld nieder. Auf jeden Hektar des 260 Quadratkilometer großen Kampfgebietes schlugen im Durchschnitt 50 Tonnen Stahl. In den ersten drei Angriffsmonaten verschoß die Artillerie der Heeresgruppe ‘Deutscher Kronprinz’ 8,2 Millionen Granaten.

Der Plan

'Voie Sacree'

Entlang der 60 km langen Strasse Bar-le-Duc nach Verdun, -der einzigen, noch offenen Verbindung – wird mit Hilfe von täglich 3.000 Lastwagen der Nachschub herangebracht. Die ‘Voie Sacree‘ ist noch heute ein Nationaldenkmal in Frankreich.

Falkenhayn wollte den Stier bei den Hörnern packen: Bei Verdun, der stärksten Festung Frankreichs, sollte das französische Heer ausbluten. Im Dezember 1915 hatte er seine Gedanken in einer Studie niedergelegt: Die Entscheidung könne nur im Westen fallen, so stell­te er fest. Doch Deutschland war schwächer als Frank­reich und England zusammen. England galt dem deut­schen Generalstabschef als der gefährlichere Gegner. Doch ihn erfolgreich anzugreifen, hieße 30 zusätzliche Divisionen einsetzen, die indessen nicht vorhanden wa­ren. Frankreich sei bereits am Rande der Erschöpfung angelangt – so urteilte Falkenhayn, und er täuschte sich dabei -; seine Armee müsse sich aufreiben lassen. Ge­schehe das, dann könnte Deutschland auch mit England fertig werden. Falkenhayn schrieb: ‘Hinter dem franzö­sischen Abschnitt der Westfront gibt es in Reichweite Ziele, für deren Behauptung die französische Führung gezwungen ist, den letzten Mann einzusetzen. Tut sie es, so werden sich Frankreichs Kräfte verbluten … Tut sie es nicht und fällt das Ziel in unsere Hand, dann wird die moralische Wirkung in Frankreich ungeheuer sein.’
Falenhayns Ziele waren Belfort oder Verdun. Er entschied sich für Verdun. Allerdings, so wünschte es Falkenhayn, gehörte zur Operation ‘Waldfest’ gegen Verdun auch der uneingeschränkte U-Boot-Krieg gegen England als strategische Ergänzung.

Verdun – Eckpfeiler der französischen Front – war zu einem Dreiviertel von deutschen Truppen umgeben. Zwei Bahnlinien, eine davon eine Schmalspurstrecke, führten in die Festung. Dazu kamen einige Straßen, vor allem der ‘Voie Sacree’ (‘Heiliger’ oder auch ‘Verfluchter Weg’ genannt), auf dem bald Tag und Nacht ein ununterbrochener Lastwagenverkehr rollte.

Verdun war die modernste und stärkste Festung Frankreichs, umgeben von zwei Fortgürteln, davon vier Verteidigungsstellungen mit betonierten Bunkern, MG-Stellungen, Drahtverhauen und Beobachtungsanlagen.

Karte Schlacht von Verdun

Karte von der Schlacht von Verdun.

Blutpumpe Verdun

Verdun

Deutscher Infanterieangriff bei Verdun.

Die erste Angriffswoche schien die Beurteilung Falken­harns zu bestätigen, denn die französische Führung be­fahl, Verdun um jeden Preis zu halten. Außerdem hatte die furchtbare Wucht des deutschen Artilleriefeuers und das ungestüme Vorstürmen der deutschen Infante­reie die die 9 französischen Divisionen im Raum Verdun be­trächtlich zermürbt.
Prompt pumpte die französische Führung so viel weitere Menschenmassen und Material in die Schlacht wie möglich: Am 27. Februar standen bereits mehr als 16, Mitte März sogar über 23 Divisio­nen im Verteidigungsraum; die französische schwere Artillerie war Ende Februar bereits verdreifacht.

Die Verteidigung von Verdun übertrug man dem zähen und energischen General Petain, jenem Petain, der später nach der Niederlage von 1940 die undankbare Rolle des französischen Staatschefs übernehmen sollte. Dies trug ihm den Vorwurf der Kollaboration mit dem Feind ein nnd ein Todesurteil (das allerdings nicht vollstreckt wurde).

Doch Falkenhayns Kalkulation stimmte dennoch nicht: Frankreich mobilisierte die letzten Reserven und war keineswegs dabei, bald zusammenzubrechen. Außer­dem blutete nicht nur die französische, sondern auch die deutsche Armee aus. Die deutschen Infanteristen waren erschöpft, hinter ihnen standen keine Reserven mehr, und bis zum 1. März hatte das deutsche Heer bei Verdun bereits 25.000 Mann verloren.

Die Blutpumpe von Verdun saugte Blut aus beiden kriegführenden Parteien. Nicht nur die Infanteristen starben zu Tausenden, auch die weiter rückwärts liegen­den Artilleristen standen im verlustreichen Duell mit der französischen Artillerie. Der Oberleutnant Linne­born vom Feldartillerieregiment 99 zeichnete auf: ‘Bei Abgabe von Sperrfeuer konnte man buchstäblich sein eigenes Wort nicht mehr verstehen, so donnerte es aus allen Schluchten – untermischt mit dem Krachen der berstenden feindlichen Granaten. Es regnet Tag und Nacht. Die Granaten rissen drei bis vier Meter tiefe Löcher, die schon nach Stunden kaum vom übrigen sumpfigen Terrain zu unterscheiden waren, und des öf­teren passierte es, daß ein ganzes Fahrzeug hineinkipp­te und im Schlamm verschwand. Sogar Meldereiter sind auf diese Weise ums Leben gekommen. Der Feind be­schoß alle Zugangsstraßen bei Tag und Nacht ununter­brochen … Die Batterien verlieren Mannschaften wie Pferde in Massen. Die ewige Nässe und die furchtbaren Strapazen lassen die Pferde an Schwäche eingehen … Jeden Tag laufen jetzt mehr Meldungen ein, daß Pfer­de, Mannschaften, ja ganze Munitionswagen versoffen oder steckengeblieben sind …’

Katastrophe im Fort Douaumont

Am 8. Mai, morgens um 6.10 Uhr ging bei der 5. Divi­sion eine Meldung ein, wonach im Fort Douaumont eine heftige Explosion stattgefunden habe. Durch Un­vorsichtigkeit oder Selbstentzündung sei es erst im Handgranatenlager losgegangen. Splitter brachten mehrere Flammenwerfer zum Auslaufen. Das Öl fing Feuer, floß durch Gänge und Kasematten und erreichte ein Depot von 15-cm-Granaten. Eine ungeheure Explo­sion ließ das Fort erbeben. Das Licht verlöschte. Rauch und giftige Pulvergase erfüllten alle Räume.
Im Brief eines namentlich nicht bekannten Artilleristen hieß es: ‘Du standest im Dunkeln und versuchtest deine Gas­maske zu erwischen. Im Raume rief oder schrie alles in Todesangst durcheinander. Der eine hatte keine Gas­maske, der andere schrie nach Frau und Kindern. Alles lief sinn- und planlos durcheinander … Die in den Gän­gen zusammengepferchten Infanteristen waren zum Teil tot oder dem Tode nahe. Sobald einige Leute die Türen zu den Kasematten aufgerissen hatten, drang das Gas in unseren Raum ein … Mittlerweile fiel um uns herum ein Kamerad nach dem anderen zu Boden … Wir tappten im Dunkeln auf den gefallenen Kameraden herum … Im letzten Augenblick sah ich noch einen Lichtschein. Als ich wieder zu mir kam, versuchte mich ein Infanterist unter einem toten Kameraden wegzuzie­hen. Ich kroch schleunigst nach draußen, wo ich dann bei den Rettungsarbeiten half.’
Eine Kompanie des Pionierbataillons 23 schaffte 36 Stunden lang die Toten aus dem Fort heraus. Doch es waren so viele, daß man eine große Anzahl von Leichen in den untersten Gang des Forts schleifte. Dann wurde der Gang zugemauert. Insgesamt waren 650 deutsche Soldaten umge­kommen.

Fehlbeurteilung

Gefallene in einem zerstrümmerten Unterstand

Gefallene in einem zerstrümmerten Unterstand bei Verdun.

Es war eine psychologisch höchst unglückliche Idee, ausgerechnet den Kronprinzen, den Thronerben des Deutschen Reiches, mit seiner 5. Armee den Angriff auf Verdun ausführen zu lassen. Und gerade der Kron­prinz verspürte Zweifel und Unbehagen. Am 13. Mai beantragte er bei der Obersten Heeresleitung den Ab­bruch des Angriffs. Falkenhayn bestand – nicht zuletzt aus Prestigegründen – auf der Fortführung der Schlacht.

Offenbar war der Chef der Obersten Heeresleitung auch von einem reizenden, sehr gebildeten, vornehmen Mann beeinflußt, der als deutscher Agent in Paris saß und ausgezeichnete Kontakte zu französischen Parla­mentsmitgliedern, höheren Beamten und Offizieren des Kriegsministeriums unterhielt. Der deutsche Geheime Nachrichtendienst – die Abteilung IIIb des Generalsta­bes- führte ihn unter der Codebezeichnung A 17, sein richtiger Name: Freiherr v. Schluga. Er war k.u.k.-Leutnant gewesen, hatte sich aber kurz vor dem Preu­Bisch-Österreichischen Krieg von 1866 auf die preußi­sche Seite geschlagen und arbeitete seit dieser Zeit als deutscher Geheimagent in Paris. Er war ungewöhnlich klug, vielseitig begabt und absolut seriös.
Seine Berich­te hatten bereits den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 günstig beeinflußt. 1916 war er bereits 70 Jahre alt, doch seine Lagebeurteilungen aus Paris erwiesen sich stets als richtig – und sie lagen genau auf der Linie Falkenhayns. Seine Meldungen gelangten über ein Bo­tensystem von Paris über die Schweiz binnen 48 Stun­den nach Lörrach. Von dort wurde das Wichtigste tele­grafisch zur Obersten Heeresleitung durchgegeben; der umfangreiche vollständige Text der Berichte folgte durch Kurier oder Post. General v. Falkenhayn ließ sich die Berichte sofort nach Eingang vorlegen. Sie enthiel­ten nicht nur Mitteilungen über die militärische Lage, sondern auch Informationen über die Stimmung in der französischen Regierung, im Parlament, im Volk, über die Beziehungen der Alliierten untereinander, die wirt­schaftlichen Verhältnisse, und lieferten somit ein um­fassendes Bild von der Lage Frankreichs.
So erhielt Falkenhayn einen Bericht von A17, der am 5. März 1916 abgesandt worden war. Darin hieß es: ‘Vielfach glaubt man, daß Verdun verlorengeht und damit ein Durchbruch gelingen wird … Die Moral der Armee ist sichtlich geschwächt … Das Volk trägt schwer an den Verlusten …’
Die Berichte des Herrn v. Schluga, obwohl wahrheits­getreu, unterstützten mit ihren Schilderungen der Schwäche Frankreichs allzusehr das Wunschdenken Falkenhayns. Er beachtete nicht das erste Gebot jedes Feindlageoffiziers, nämlich Einzelberichte nur im Zu­sammenhang mit allen übrigen Meldungen zu werten. Hinzu kam, daß A17 auf dem Höhepunkt der Ver­dunkrise – wo sich seine Lagebeurteilung möglicherwei­se geändert hätte – infolge Altersschwäche seine Tätig­keit einstellen mußte. Er kehrte über die Schweiz nach Deutschland zurück und verstarb ein Jahr später.

Die deutschen und französischen Soldaten verbluteten weiter vor Verdun. Nacheinander setzten die Deut­schen 47 Divisionen ein – ein knappes Drittel des West­heeres. Die Franzosen lösten ihre Divisionen häufiger ab. Sie jagten im Laufe der Zeit vier Fünftel ihres Heeres durch die Blutmühle von Verdun.

Der von Falkenhayn als strategisches Gegengewicht zur Verdun-Schlacht geforderte uneingeschränkte U-Boot­-Krieg aber kam vorerst nicht zustande. Dennoch blieb der Generalstabschef bei seinem Optimismus. Dem Reichskanzler versprach er, auch ohne U-Boot-Krieg werde Deutschland bis zum Ausgang des Winters 1916/17 einen siegreichen Frieden erkämpfen, da Frankreich dann zum Weißbluten gebracht sei.

Eroberung vom Fort Vaux

Deutscher Soldat beobachtet Fort Vaux

Ein einsamer deutscher Soldat beobachtet von einem eroberten französischen Schützengraben aus das Fort Vaux.

Von den Gedanken der obersten Führung wußte die kämpfende Truppe nichts. Auch sie glaubte noch im­mer, daß Verdun der Schlüssel zum Sieg sei, daß ein Durchbruch an dieser Stelle den Bewegungskrieg wie­der möglich machen werde. Nur diese Höhe noch, die­ses Fort noch, dann war es geschafft. So wurden irgend­welche Punkte im Verteidigungssystem von Verdun ­der Hügel Toter Mann, die Höhe 304, das Fort Vaux – zu magischen Orten, um die Hoffnung und Furcht von Hunderttausenden unablässig kreisten.

Nach dreimonatiger Beschießung gelang es am 2. Juni, den oberirdischen Teil des Forts Vaux zu erobern. Im Inneren aber setzte der französische Major Raynal mit rund 600 Mann den Kampf fort. Am 4. Juni begann Leutnant Sandmann mit seiner 1. Kompanie des Pio­nierbataillons 27, die französische Besatzung mit Flam­menwerfern auszuräuchern.

Streitkräfte bei Verdun am 1. Juni 1916
Truppen Artillerie
Deutsche Fünfte Armee (Kronprinz, Knobelsdorf) 20 Divisionen 2.200 Geschütze (1.730 schwere)
Französische Zweite Armee (Nivelle) 20 Divisionen 1.200 Geschütze (570 schwere)

Aus einem Bericht für das deutsche Reichsarchiv: ‘Fürchterlicher Qualm preßt sich in den Gang. An den Wänden und der Decke fängt die Holzverschalung Feu­er. Im Flackerlicht des Brandes stürmen die Pioniere eine kleine Treppe hinauf … Handgranaten fliegen ih­nen entgegen. Aus Rauch und Flammen knattert wahr­haftig wieder ein Maschinengewehr … Von den tapfe­ren Pionieren wurde die Hälfte verwundet, alle aber waren durch Rauchvergiftung halbtot, als sie mit ge­schwärzten Gesichtern und angesengten Kleidern der Kampfstätte den Rücken kehrten.’
Major Raynal, der Fortkommandant, schrieb in sein Tagebuch: ‘Ein noch schrecklicherer Tag als der vor­hergehende.’

Alle Lichter im Fort waren erloschen; die Flammen hatten den Flur der Kehlkaserne erreicht. Viele Leute wurden ohnmächtig. Raynal sandte die letzte Brieftaube und drei Mann als Melder zum Fort Souville, um Hilfe zu erbitten. Am nächsten Tag griffen die Deutschen mit Flammenwerfern und geballten La­dungen weiter an. ‘Schreckliche Leiden’ notierte der französische Kommandant.
Inzwischen schoß die fran­zösische Artillerie Trommelfeuer auf Fort Vaux, um die an der Oberfläche sitzenden Deutschen zu vernichten. Derweil ging der Kampf im Inneren des Forts weiter. Französische Gegenangriffe zur Befreiung der Kamera­den drangen nicht durch, deren schlimmster Feind ­- neben den Deutschen – der Durst war.

Am 7. Juni tauchte im westlichen Hohlgang des Forts eine weiße Flagge auf: Die Besatzung kapitulierte. Der Kommandant wurde zu General v. Engelbrechten auf den Divisionsgefechtsstand geführt. Es sei keine Schande, so sagte der General, nach so tapferer Gegenwehr besiegt zu sein. Der Franzose antwortete stolz: ‘Sie ha­ben mich nicht besiegt, der Durst hat mich be­zwungen.’

Der Kampf um das Fort Vaux ging weiter: In immer neuen Angriffen versuchten die Franzosen es zurück­ zuerobern. Am 2. November 1916 verlangte die Front­lage die Räumung des Forts; ein Sprengtrupp und der Kommandant verließen als letzte Deutsche das Werk.

Abbruch des Angriffs

zurückerobertes Fort Douaumont

Französische Soldaten an einem deutschen MG inmitten der Trümmer des zurück eroberten Fort Douaumont.

Die Schlacht um Verdun beraubte, je länger sie dauer­te, die deutsche Oberste Heeresleitung ihrer Hand­lungsfreiheit. Sie verschlang alle deutschen Reserven und die Masse der Munitionsvorräte. Für eine zweite Operation verblieb kein Spielraum. Am 1. Juli 1916 aber hatten die Alliierten ihre Somme-Schlacht begon­nen, und Anfang Juni waren die Russen zur Brussilow­-Offensive angetreten.

Endlich, am 12. Juli, befahl Falkenhayn, die Verdun­-Schlacht abzubrechen. Doch das war nun gar nicht mehr ohne weiteres möglich: Die Franzosen griffen ih­rerseits unentwegt an. Eine Rückverlegung der deut­schen Front war die Voraussetzung für das Ende der Offensive, und das wollte Falkenhayn nicht zulassen.

Der Kronprinz, Oberbefehlshaber der 5. Armee, unter­nahm einen neuen Vorstoß zur Beendigung der Schlacht und erreichte bei seinem Vater die Ablösung Falkenhayns. Am 29. August 1916 wurde Generalfeld­marschall v. Hindenburg neuer Chef des Generalstabes des Feldheeres und General Ludendorff Erster Gene­ralquartiermeister. Es war höchste Zeit: Am 27. August hatte Rumänien Österreich den Krieg erklärt. Die Mit­telmächte waren in eine ernste Krise geraten. Die deut­schen Truppen vor Verdun begannen nach und nach auf rückwärtige, ausgebaute Stellungen zurückzugehen.

Das Fort Douaumont lag bis in den Oktober hinein unter schwerstem französischem Beschuß. Am 23. Ok­tober waren die Lebensmittel zu Ende, die Munitions­vorräte erschöpft, das Wasser bei Löschversuchen auf­gebraucht, das Fort zertrümmert, das Pionierdepot stand in Flammen, Qualm und Gas zogen durch die Gänge. Die letzten 100 Mann waren gaskrank. Um 7:30 Uhr verließen sie das Fort. Gaskranke trugen die Bah­ren der Verwundeten. Doch zwei Mann hatte der Ab­zugsbefehl nicht erreicht. Sie waren noch am Morgen des 25. Oktober auf ihrem Posten, als Hauptmann Prol­lius mit drei Offizieren und einigen Versprengten den Dooanmont erreichte. Prollius besetzte das Festungs­werk auf eigene Faust und schickte einen Melder ab: ‘Schwache Besatzung hält das Fort bis zum Eintreffen von Verstärkung.’
Die Verstärkung kam nicht. Es bestand kein Interesse mehr am Douaumont. Am Nachmittag trommelten die Franzosen mit allen Kalibern auf das Fort. Als sich der Herbstnebel hob, waren französische Infanteristen her­an. Prollius ließ das Feuergefecht aufnehmen. Der Kampf verlagerte sich in das Innere, wo noch immer Feuer schwelte. Ein Durchbruchsversuch scheiterte. Um 19 Uhr ergaben sich die letzten Deutschen vom Douaumont: Vier Offiziere und 24 Mann.

Ende der Schlacht von Verdun

Deutsche Soldaten bei einer Beerdigung

Deutsche Soldaten bei einer Beerdigung für Gefallene bei Verdun.

Als Bezonvaux am 16. Dezember in französische Hand fiel, endete die Schlacht um Verdun. Nichts war er­reicht worden, alle Opfer umsonst. Der Kampfraum um Verdun blieb verwüstet bis auf den heutigen Tag. Es lagen so viele unkenntliche Tote und Teile von solchen auf dem Schlachtfeld, daß eine normale Bestattung oft nicht möglich war. Am jetzigen Mahnmal wurde ein Beinhaus für unzählige Tote errichtet. Wie viele Solda­ten bei Verdun starben, ist nicht genau feststellbar, weil zahllose Schwerverwundete erst später ihren Verletzun­gen erlagen.

So viel ist gewiß: Die deutsche 5. Armee verlor bei Ver­dun an Gefallenen und Verwundeten 323.396 Mann.
Aufgeschlüsselt nach dem Stand von Ende 1918: 41.632 Soldaten waren sofort tot, 13.164 starben in den Feldla­zaretten an ihren Wunden, 26.739 blieben vermißt und müssen auch als gefallen angesehen werden. 241.860 Soldaten waren verwundet, von denen eine unbekannte Zahl nach dem Krieg an ihren Verletzungen starb; 398.293 erkrankten vor Verdun, davon 2.744 durch Kampfgas.
Die französische Armee verlor an Gefalle­nen und Verwundeten 314.000 Mann.

Verluste vor Verdun vom 21. Februar bis 18. Dezember 1916
Verluste Ausrüstung
Franzosen 362.000 (66 Divisionen eingesetzt) ?
Deutsche 336.861; incl. 17.387 Kriegsgefangene (42 Divisionen eingesetzt) ca. 46+ Kanonen, 44+ Mörser, 107 MGs, ca. 80+ Flugzeuge; 6+ Ballons

Der Schmelzofen von Verdun grub sich tief ins Ge­dächtnis von Franzosen und Deutschen ein. Verdun wurde zum Sinnbild für das sinnlose Aufopfern Hun­derttausender in einer Materialschlacht. Der Gedanke an Verdun bewog die Franzosen nach dem Ersten Welt­krieg zum Bau einer riesigen Festungsanlage, der Magi­notlinie, und ließ ihre gesamte Strategie in starres ‘Fe­stungsdenken’ bis in den 2. Weltkrieg und darüber hinaus verfallen.

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