Hatte Hitler Alternativen zum Russland-Feldzug ?

Hatte Hitler Alternativen zum Russland-Feldzug ?
Teil II zur Frage, wieso griff ER Russland an ?

In den vier Monaten zwischen Juli und Dezember 1940 wirkte Hitler in Bezug auf die endgültige deutsche Strategie merkwürdig schwankend – unsicher, welchen Weg er einschlagen sollte, zögerlich, unentschlossen, sogar schwach. Er schien bei seinen politischen Bemühungen um Franco, Marschall Petain, Mussolini und dem sowjetischen Außenminister Molotow sogar Vorschläge in Erwägung zu ziehen, die im Widerspruch zum Krieg im Osten standen.

In der Führungsstruktur des Dritten Reiches gab es kaum Möglichkeiten, wie in anderen Regierungsapparaten, Diskussionen über Alternativen und Entscheidungsfragen abzuhalten. Alles war auf Hitler ausgerichtet, der zwar von verschiedenen näher stehenden Persönlichkeiten beeinflusst werden konnte, die endgültige Entscheidung aber ganz alleine traf und diesen Entschluss seiner Umgebung mitteilte.

Admiral Raeder

Admiral Erich Raeder, seit 1935 bis zum 30. Januar 1943 Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, war der einzige führende militärische Kopf, der Hitler eine alternative Strategie anbot.

Die Teilstreitkräfte Heer, Luftwaffe und Marine arbeiteten nicht zusammen, sondern vielmehr neben her. Vom Befehlshaber der Luftwaffe, Göring, waren überhaupt keine eigenständigen Vorschläge zu erwarten.
Lediglich die Kriegsmarine hatte alternative Vorstellungen und Pläne zum weiteren Kriegsverlauf gegen Großbritannien. Diese zielten auf die Kontrolle des Mittelmeerraumes mit der Wegnahme Gibraltars und des Suez-Kanals sowie der Kontrolle über die Kanarischen Inseln in der ersten Phase und später die Inbesitznahme der wichtigen Erdölfelder im Nahen Osten.

Hitler stimmte dieser Mittelmeer-Strategie zwar grundsätzlich zu, machte ihr Umsetzung aber vom Ausgang der Verhandlungen mit Mussolini, Franco und Petain abhängig. Es war sich bewusst, daß es nicht leicht sein würde, sie alle zufriedenzustellen. Die einander widerstreitenden Interessen auszugleichen gestand er zynisch ein, sei ‘nur durch grandiosen Betrug möglich.’
Diese Vorstellungen über die Ausrichtung der deutschen Kriegsführung auf das Mittelmeer passten gut zu den Vorstellungen im Auswärtigen Amt, wo Außenminister von Ribbentrop die Bildung eines ‘Kontinentalblocks’ forderte – als mächtiges Bündnis gegen Großbritannien und womöglich die Vereinigten Staaten. Es wurde ein weltweites Bündnis auch unter Beteiligung der Sowjetunion und Japans propagiert.
Freilich beruhte die Umsetzung einer solchen Strategie auf bedeutende diplomatische Durchbrüche, genauer gesagt auf Hitlers Fähigkeit, Vereinbarungen mit den Führern von Spanien, Vichy-Frankreich, Italiens sowie womöglich auch mit der Sowjetunion und Japan zustande zu bringen.
Und genau daran sollte alles scheitern.

Eine Zeitlang gab Hitler diesen Bestrebungen von Raeder (Kriegsmarine), Warlimont (Wehrmacht) und Ribbentrop (Außenministerium) nach, für welche diese ‘Mittelmeer-Strategie’ eine Alternative zum Angriff auf Russland darstellte. Für Hitler schien sie jedoch lediglich ein Vorspiel, um Deutschland den Rücken freizuhalten, bevor es zum endgültigen Schlagabtausch mit der Sowjetunion käme, der in seinen Augen sowohl unvermeidlich, als auch alleine das Potenzial besaß, über den Endsieg zu entscheiden. Daher betrachtete er diese Strategie nie als Endzweck.

Dies erklärt teilweise, warum seine diplomatischen Bemühungen, welche er im Oktober in Gesprächen mit Mussolini, Franco und Petain unternahm, so unergiebig waren. Dabei kam zutage, daß Hitler Spanien nicht zufriedenstellen konnte, ohne Frankreich vor den Kopf zu stoßen, und er konnte Frankreich nicht entgegenkommen, ohne seinen ‘Freund’ Mussolini zu verärgern.
Dabei mußte er bei seinem Zusammentreffen mit Mussolini in Florenz am 28. Oktober 1940 erfahren, daß die Italiener zusätzlich noch Griechenland angegriffen haben und damit einen weiteren kräftigen Stock in die Speichen der militärischen Kooperation der Verbündeten geworfen haben. Zudem bedeutete Mussolinis griechisches Abenteuer – was Hitler intern als ‘bodenlose Dummheit’ bezeichnete -, daß die italienische Offensive in Libyen verschoben werden musste und folglich auch die Stationierung deutscher Truppen in Nordafrika und der Vorstoß zum Suezkanal. Es waren auch die ersten klaren Anzeichen bei Hitler zu erkennen, daß er von nun an den militärischen Fähigkeiten seines italienischen Partners misstraute.

Staatsbesuch Molotows in Berlin

Der sowjetische Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Wjatscheslaw Molotow, mit dem deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop an seiner Rechten bei seinem Berlinbesuch am 12. November 1940, der Hitler endgültig davon überzeugte, daß der Angriff auf die Sowjetunion unverzüglich in Gang gesetzt werden musste.

Bereits auf der Rückfahrt hatte Hitler Jodl und Keitel vom OKW mitgeteilt, daß der Krieg gegen Russland nun im folgenden Jahr stattfinden müsse.
Offenbar fühlte sich Hitler durch diese Rückschläge bei der Schaffung des ‘Kontinentalblocks’ in seiner früheren Ansicht bestärkt, daß der Angriff auf die Sowjetunion der einzige Weg zum endgültigen Sieg sei.

Als der sowjetische Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten Molotow nach Berlin reiste, um am 12. und 13. November Gespräche mit Hitler zu führen, stand die deutsche Strategie allerdings immer noch nicht endgültig fest. Am selben Tag, an dem die Unterredungen begannen, gab Hitler als wichtigste Weisung an die Wehrmacht heraus, die Einnahme Gibraltars und anderer Ziele der ‘Mittelmeer-Strategie’ vorzubereiten.
Und die bedeutsamste Feststellung traf Hitler am Ende der Weisung: ‘Politische Besprechungen mit dem Ziel, die Haltung Russlands für die nächste Zeit zu klären, sind eingeleitet.’

Jedoch führte der Besuch Molotows bei Hitler zu Unbehagen, ebenso wie sich die Lage im Mittelmeerraum inzwischen derart skeptisch entwickelte, daß er sich in seinen Vorstellungen bestätigt sah und auf die Strategie zurückgriff, welche er bereits im Sommer favorisiert hatte: den Angriff auf die Sowjetunion.
Bald darauf schickte Hitler seine Adjutanten aus, um einen Ort für ein Feldhauptquartier in Ostpreußen zu suchen. Am 5. Dezember 1940 wies er Brauchitsch und Halder an, das Heer für einen Angriff auf die Sowjetunion Ende Mai des nächsten Jahres vorzubereiten.

Am 18. Dezember wurde seine formelle Weisung für das ‘Unternehmen Barbarossa‘ festgelegt. Sie gab ausdrücklich das Ziel vor, ‘auch vor Beendigung des Krieges gegen England Sowjetrussland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen’.
Zwar passte der Angriff auf Russland in Hitlers ideologische Überzeugung, aber bei der Festlegung des Termins waren strategische Überlegungen ausschlaggeben: Es wurde angenommen, daß die USA 1942 so weit sein würden, auf Seiten Großbritanniens in den Krieg zu ziehen. Es war somit klar, daß die Zeit gegen Deutschland arbeitete.

deutsche Truppenbereitstellung

Getarnte deutsche Truppenbereitstellung in Ostpreußen.

Da Hitler also nicht das Glücksspiel um die Weltmacht zu seinen Bedingungen und Zeitpunkt beenden konnte, und die Chancen auf längere Sicht gegen Deutschland standen und da es auch keine ‘Ausstiegsklausel’ gab, konnte er nur – wie immer – den nächsten kühnen Schritt nach vorne wagen. ‘Barbarossa’, verspricht Hitler, wird ‘wie ein Hagelsturm über Russland hereinbrechen, und die Welt werde den Atem anhalten’.

Es war Wahnsinn, aber er hatte Methode.


t_arrow1Siehe auch Teil I: Wieso griff Hitler Russland an ?

KretaTipp
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