Wieso griff Hitler Russland an ?

Wieso griff Hitler Russland an ? (Teil I)

Erich Ludendorff und Adolf Hitler

Erich Ludendorff und Adolf Hitler nach der Gerichtsverhandlung vor dem Münchner Sondergericht im März 1924.

Angesichts der nachfolgenden Ereignisse erscheint Hitlers Entschluß, Russland anzugreifen, als purer Wahnsinn. Bereits Napoleon hatte in dem Feldzug von 1812 den Beginn seines unrühmlichen Ende gefunden.
War das gewagte Spiel die Folge des illusorischen Gefühl der Unfehlbarkeit, die der triumphale Sieg über Frankreich erzeugte ? Bildete diese Entscheidung das finale Ende einer von Grund auf unlogischen Ideologie, eines irrationalen Wahns, der sich die Vernichtung des ‘jüdischen Bolschewismus’ zum Ziel gesetzt hatte ?

Im Juni 1941 drangen deutsche Truppen nicht zum ersten Mal nach Russland vor. Bereits im 1. Weltkrieg wurden große Teile des Landes bis zum Kriegsende erobert und besetzt, und das Bild, das die Deutschen aus dieser Zeit gewannen, war nicht besonders positiv. Der damalige deutsche Generalstabschef Ludendorff stand Anfang der Zwanziger Jahre in engen Kontakt zu Hitler und hatte bis zum Fiasko des Münchener Putsches (1923) Einfluß auf dessen Russland-Bild. Bereits in ‘Mein Kampf’ (1926) schreibt Hitler: ‘Damit ziehen wir Nationalsozialisten bewusst einen Strich unter die außenpolitische Richtung unserer Vorkriegszeit. Wir setzen dort an, wo man vor sechs Jahrhunderten endete … wir weisen den Blick nach dem Land im Osten’. Das ‘Lebensraum’-Konzept war geboren.

Hitler besaß ein hoch entwickeltes Gespür für die Schwächen der anderen. Die außenpolitischen Erfolge, die er vor 1939 erzielte, beruhten hauptsächlich auf der Intuition des Tyrannen sowie der instinktiven Bereitschaft des Glückspielers, große Risiken einzugehen.

Im August 1939 schloß Hitler mit atemberaubenden Zynismus (in dem ihm Stalin in nichts nachstand) mit seinem eigentlich ‘ideologischen Erzfeind’, der Sowjetunion, einen Nichtangriffspakt.
Doch nur wenige Tage vor diesem dramatischen Schritt äußerste er gegenüber dem Hohen Kommissar des Völkerbundes in Danzig, Carl Burckhardt, daß ‘alles, was ich unternehme, gegen Russland gerichtet ist. Wenn der Westen zu dumm und zu blind ist, um dies zu begreifen, werde ich gezwungen sein, mich mit den Russen zu verständigen, den Westen zu schlagen und dann nach der Niederlage mich mit meinen versammelten Kräften gegen die Sowjetunion zu wenden’.

Hitlers Empfang in Berlin

Menschenmassen jubeln Hitler bei seiner Rückkehr ‘aus dem Felde’ in Berlin zu.

Am 6. Juli 1940 kehrte Hitler nach dem Sieg im Westen im Triumph nach Berlin zurück. Es war der grandioseste Empfang, der ihm jemals bereitet wurde. Nur noch Großbritannien schien dem endgültigen Sieg im Weg zu stehen.
Doch Hitlers Militärberater und sogar der Diktator selbst waren sich keineswegs sicher, daß der britische Widerstand so schnell zu brechen sein würde, zumal sich hinter Großbritannien der drohende Schatten der USA erhob. Die untergründige Furcht wurde zwar selten ausgesprochen, war aber gleichwohl vorhanden: Sollten die Vereinigten Staaten ihre gewaltige Macht und ihren Reichtum mobilisieren und wie 1917 in den Krieg eintreten, würden die Chancen für einen deutschen ‘Endsieg’ schlagartig sinken.
Mit anderen Worten, die Zeit war wiedereinmal nicht auf Seiten Deutschlands. Das Risiko wäre beim Warten größer als beim Handeln, erklärte Hitler, was auch seine Spielermentalität verstärkte.

Schon eine Stunde nach seiner Reichstagsrede vom 19. Juli 1940, in der Hitler Großbritannien zum Frieden aufforderte, erfuhr er aus den ersten Presseberichten von der frostigen Reaktion Londons auf seinen ‘Appell an die Vernunft’. Am 22. Juli gab der britische Außenminister Lord Halifax in einer Rundfunkanprache bekannt, was Hitler bereits wusste: daß das Empire die Möglichkeit eines Verhandlungsfriedens nicht in Erwägung ziehe und zum Kampf entschlossen sei.
Bereits einen Tag vor Halifax Rede hatte Hitler die kategorische Ablehnung seines ‘Appels’ akzeptiert und vor den Oberbefehlshabern der Wehrmacht erstmals über die Möglichkeit gesprochen, noch im selben Herbst die Sowjetunion anzugreifen.

Am 31. Juli 1940 teilte er der erstaunten Generalität mit: ‘Ist aber Russland zerschlagen, dann ist Englands letzte Hoffnung getilgt. Der Herr Europas und des Balkans ist dann Deutschland. Entschluss: Im Zuge dieser Auseinandersetzung muss Russland erledigt werden, im Frühjahr (Mai) 1941.’
Dies war die am weitesten reichende Entscheidung des 2. Weltkrieges.
Und sie war ohne direkte Not gefällt worden, also keineswegs, um einem unmittelbaren Angriff der Sowjetunion zuvor zu kommen. Diese Rechtfertigung wurde erst später vorgeschoben, selbst Hitler hatte noch zehn Tage zuvor festgestellt, daß Russland keinen Krieg mit Deutschland wolle.
Aber genauso wenig hatte das Militär oder eine andere Lobby der deutschen Machteliten diesen Angriff gefordert. Vielmehr hatten Oberbefehlshaber und Generalstabschef des Heeres noch am Tag zuvor gefordert, ‘daß man besser mit Russland Freundschaft hält’.

Kreuzer Lützow im Schlepp nach Leningrad

Der noch unfertige Schwere Kreuzer Lützow wird im Austausch für Rohstoffe und Lebensmittel nach Leningrad geschleppt.

Das Wirtschaftsministerium machte Hitler jedoch darauf aufmerksam, daß man sich für einen langen Krieg gegen Großbritannien und womöglich auch gegen die USA wappnen müsse – und das man dazu weit mehr brauche als man gegenwärtig aus der Sowjetunion nach dem Hitler-Stalin-Pakt an Lebensmitteln und Rohstoffen erhalte. Sich in zunehmende Abhängigkeit von der Sowjetunion zu begeben war für Hitler unannehmbar. Er pflichtete Wirtschaftsminister Funk darin bei, daß der großdeutsche Wirtschaftsraum nicht von Kräften und Mächten abhängig werden dürfe, auf die man keine Kontrolle habe.
Diese Ansicht wurde in führenden Kreisen von Wehrmacht, Wirtschaft und Bürokratie geteilt, weshalb der Angriff auf die Sowjetunion in diesen entscheidenden Kreisen auf keinen großen Widerstand treffen konnte.

Auch in der Wehrmachtführung stieß Hitlers einsamer Entschluss nicht auf entschlossenen Widerspruch. Tatsächlich hatte der Generalstab des Heeres, das Kommende schon ahnend, Machbarkeitsstudien schon Wochen zuvor angefertigt. Die Militärführer waren sich der strategischen Lage ebenso bewußt wie Hitler. Sie nahmen an, daß Großbritannien weder durch eine Invasion noch durch Bombenangriffe in die Knie gezwungen werden könne.
Sie entwarfen allerdings auch keine eigene Strategie, wie der endgültige Sieg errungen werden könnte. Darüber hinaus unterschätzten sie wie Hitler die Rote Armee erheblich, insbesondere nach den dürftigen Leistungen im Winterkrieg gegen Finnland.

Der geplante, nur kurz zu dauernde Ostfeldzug versprach nicht nur die Hegemonie auf dem europäischen Kontinent, sondern auch den endgültigen Sieg in diesem Krieg. Danach würde irgendwann in der Zukunft die Auseinandersetzung mit den USA folgen. Ideologie und militärstrategische Überlegungen standen in Hitlers Vorstellung über den Angriff auf die Sowjetunion nicht in Widerspruch zueinander. Vielmehr gingen sie Hand in Hand.

Teil II: Hatte Hitler Alternativen zum Russland-Feldzug ?

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2 Kommentare

  1. Bereits einen Tag vor Halifax Rede hatte Hitler die kategorische Ablehnung seines ‘Appels’ akzeptiert und vor den Oberbefehlshabern der Wehrmacht erstmals über die Möglichkeit gesprochen, noch im selben Herbst die Sowjetunion anzugreifen.

    Da hätte ich dann doch gerne die genaue Quelle und den exakten Wortlaut … denn es fällt mir mehr als schwer zu glauben, daß Hitler ausgerechnet im Herbst – also kurz vor dem (russischen!) Winter (von dem auch der deutschen Führung wohl bekannt gewesen war, daß es dort hin und wieder zu … nun ja, Frost kam) – die Sowjetunion hätte angreifen wollen.

    Denn wenn die Wehrmacht eineinhalb Jahre später feststellen mußte, daß sie keine Winterausrüstung hatte (z.B. entsprechende Öle und Schmierstoffe für die Panzer und Fahrzeuge), dann hätte sie im Herbst 1940 erst recht keine gehabt. Von daher also: Bitte Quelle und genauen Wortlaut der Hitlerschen Überlegungen.

    Ach, und … nur so nebenbei: Es handelte sich bei dem stattgefunden habenden Krieg um einen Krieg gegen die Sowjetunion und nicht gegen Rußland – diese beiden politischen Entitäten waren vollkommen unterschiedliche Gebilde, wenngleich die Sowjetunion zweifellos sozusagen ‘russische Gene’ hatte.

    Und sie war ohne direkte Not gefällt worden, also keineswegs, um einem unmittelbaren Angriff der Sowjetunion zuvor zu kommen. Diese Rechtfertigung wurde erst später vorgeschoben, selbst Hitler hatte noch zehn Tage zuvor festgestellt, daß Russland keinen Krieg mit Deutschland wolle.

    Auf welchen Termin beziehen Sie die “noch zehn Tage zuvor…” – zehn Tage vor welchem Zeitpunkt also?

    Davon abgesehen hat Suworov (Resun) den Zeitpunkt des (eigentlichen) Beginns des Zweiten Weltkrieges auf den 19. August 1939 (Politbürositzung) festgelegt, an dem natürlich auch implizit der Angriff auf das Deutsche Reich beschlossen wurde.

    • 1) Halder, Kriegstagebuch Band II, S. 21 (Eintrag 13. Juli 1940). Im übrigen wollte Hitler sogar im Winter 1939/40 mehrmals Frankreuch angreifen, also kein ungewöhnlicher Wunsch des Führers auf einen schnellen ‘Blitzkrieg’ unter risikoreichen Bedingungen.
      2) Nur nebenbei: Ich verwende in allen Beiträgen gewöhnlich ‘Russland’ statt ‘Sowjetunion’ so wie oft ‘Deutschland’ statt ‘Deutsches Reich’ da in unserer Zeit und zumeist jüngere Menschen diese Begriffe leichter einordnen können und sie auch gängigerer handbar sind und zudem den gleichen Staat repräsentieren, welcher ja lediglich knapp über 70 Jahre der vielen Jahrhunderte russischer Geschichte ausmachen (KISS-Prinzip: Keep it simple and stupid)
      3) Halders Kriegstagebuch Band II, S.33 – Eintrag vom, 21. Juli 1940.
      Die gesamten Quellen und Angaben können Sie gerne in ‘Wendepunkte – Schlüsselentscheidungen des 2. Weltkriegs’ nachschlagen (siehe Buch-Anzeige im Artikel).

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