Westfeldzug

Der Westfeldzug 1940 und der Fall von Frankreich.

Pak im Gefecht

Deutsche Pak 36 im Gefecht während des Westfeldzug.

Seit Beginn der Expansionspolitik Hitlers bildete das Gebilde der deutschen Besatzungsgebiete und Eroberungen einen wachsenden konzentrischen Kreis: Österreich, Tschechoslowakei, Polen.
Hitler, so nahm man an, würde diesen Kreis 1940 bald um die Benelux-Staaten und Frankreich erweitern, was er auch mit dem Westfeldzug tat.

Aber vorher mußte die britische Bedrohung der deutschen Flanke und der Versorgung mit schwedischem Eisenerz beseitigt werden und gleichzeitig das Ausfalltor in den Nord-Atlantik geöffnet werden. Deshalb erfolgte das Unternehmen Weserübung mit der Ausbreitung nach Skandinavien.

Dänemark wurde schnell und fast kampflos besetzt, während Norwegen durch Luftlandetruppen und Invasionen durch kombinierte See- und Landstreitkräfte erobert wurde. Zwar verlor die deutsche Kriegsmarine mehrere Kriegsschiffe durch norwegische Küstenbatterien oder britische Schiffsgeschütze, aber die deutschen Truppen schlugen die schlecht abgestimmten Landungen der Briten und Franzosen an der norwegischen Küste zurück. Zwischenzeitlich versuchten die Russen immer noch, Finnland zu besiegen.

Überfall auf die Benelux-Staaten

zerstörte Altstadt von Rotterdam

Die zerstörte Altstadt von Rotterdam.

Der Westfeldzug begann schließlich am 10. Mai, als die deutsche Heeresgruppe B die neutrale Niederlande mit 29 Divisionen angriff, welche gehofft hatte, wie im 1. Weltkrieg neutral bleiben zu können.
Deutsche Wasserflugzeuge landeten mit Truppen in holländischen Uniformen an Bord in den Kanälen von Rotterdam, besetzten Brücken und drohten, die Stadt in Schutt und Asche zu bomben, wenn die Holländer nicht kapitulieren würden. Dies geschah auch zum Teil, da eine Gruppe der Bomber nicht mehr rechtzeitig zurückgerufen werden konnte.

Die deutschen Truppen drangen als nächstes in Belgien ein, wo die stärkste Festung der Welt, Eben Emael, durch eine handvoll in Lastenseglern abgesetzten Luftlandesoldaten erobert wurde. Hier wollten sie die alliierten Truppen zum Kampf stellen, welche nach dem deutschen Überfall auf Holland nach Belgien hinein zogen um den Angriff abzuwehren.
Diese Kämpfe endeten für die Alliierten zu deren Ungunsten, teilweise bedingt durch die neutrale belgische Haltung vor dem Angriff, welche den Bau stärkerer Grenzbefestigungen verhinderte, um Provokationen zu vermeiden. Hinzu kam Verkehrschaos durch belgische Zivilisten, welche in Panik auf der Flucht die Straßen verstopften und den Marsch der alliierten Truppen und deren Nachschub behinderten.

Karte Westfeldzug

Karte von der ersten und entscheidenden Phase des Westfeldzug, dem Überfall auf die Benelux-Staaten.

Durch die Ardennen

Aber der Hauptgrund für die alliierten Probleme während des Westfeldzug war, daß die ursprünglichen deutschen Angriffspläne aus einem massiven Schlag durch Belgien und Nord-Frankreich wie im Jahr 1914 dahingehend abgeändert wurden, daß nun ein kräftiger Stoss durch die Ardennen-Wälder in Luxemburg westlich der Maginot-Linie erfolgte.
Die Franzosen hatten nur die schwache Neunte Armee dort, da sie die Ardennen-Wälder als unpassierbar hielten. Das sah das deutsche Oberkommando bis Anfang 1940 ähnlich, bis Heinz Guderian, der führende Panzerfachmann und Held des Polenfeldzugs, argumentierte, daß Panzer und Kraftfahrzeuge mit Luftunterstützung sehr wohl die Ardennen passieren könnten. Und wenn sie erst einmal durch wären, könnten sie bis zum Ärmelkanal durchstoßen und die alliierten Verbindungswege und Nachschubslinien zerreißen. Dann wäre das britische Expeditionskorps BEF und die französische Siebte und Erste Armee abgeschnitten.
Dieser Gedanke faszinierte Hitler und so wurde die Heeresgruppe A mit 44 Divisionen ausgestattet, darunter fast alle Panzer-Divisionen.

deutsche Panzerdivision auf ihrem Vormarsch nach Frankreich

Eine deutsche Panzerdivision auf ihrem Vormarsch nach Frankreich. Vorne sind mehrer PzKpfw 38(t) und dahinter einige PzKpfw II mit einem PzKpfw IV zu sehen.

Hitlers Begeisterung für diesen Plan des Westfeldzug war gut begründet. Die Panzer der Heeresgruppe A, mit enger Luftunterstützung, zerschlugen das Scharnier – oder den ‘Ellenbogen’ – welche die alliierte Linie an der Maas mit voller Wucht aushebelt.
Bereits am 13. Mai erreichte Rommels 7. Panzer-Division den Fluß in der Nähe von Dinant. Zwei Tage später, dank harter Kämpfe und Rommels hervorragender Führung, hatten die Panzer den Fluß überquert und rollten nach Westen. Bis zum 17. Mai hatte die Division 10.000 Gefangene eingebracht, 100 alliierte Panzer ausgeschaltet und einen 100 km tiefen Keil in die alliierten Verteidigungsstellungen getrieben.
Bis zum 14. Mai hatte auch Guderians Panzer-Korps den Fluß überquert und stieß nach Westen vor und einen Tag später waren alle Panzer-Divisionen über das Hindernis hinweg.
Schnelle und bewegliche Panzerkolonnen lassen unweigerlich ihre Versorgungseinheiten weit zurück und setzen ihre ungeschützten Flanken womöglich feindlichen Gegenangriffen aus, was zu großer Sorge bei den konservativen Skeptikern im deutschen Generalstab führte. Ein französischer Panzerangriff aus dem Süden unter Carles de Gaulle vom 18. bis 19. Mai und ein britischer Angriff von Norden aus am 21. Mai steigerte dann die Beunruhigung.
Aber die tapfer kämpfende und hart bedrängte nachrückende deutsche Infanterie konnte diese Angriffe parieren, sodaß Guderians Panzerdivisionen den Ärmelkanal bei Abbeville spät am Tag des 20. Mai 1940 erreichen konnten und damit der erste und entscheidende Abschnitt des Westfeldzug erfolgreich abgeschlossen wurde.

Dünkirchen

Evakuierung Verwundeter aus Dünkirchen

Verwundete englische Soldaten werden mit Rettungsbooten zu den Transportschiffen vor Dünkirchen gebracht.

Die deutschen Verbände wandten sich nun nach Norden in Richtung der Küste. Die nun zwischen den deutschen Truppen und dem Meer eingeschlossenen alliierten Einheiten kämpften zwar teilweise noch, waren aber desorganisiert und ohne ausreichende Versorgung. Die Alliierten zogen sich auf Dünkirchen zurück, wo Hitler ihnen das Geschenk gewährte, den Angriff für einige Tage stoppen zu lassen.
Dies erlaubte den Briten, hunderte von Schiffen aller Art zu schicken, um die Soldaten zu evakuieren. Bis zum 4. Juni 1940 hatte das ‘Wunder von Dünkirchen’, gesichert durch die Royal Air Force und die französische Erste Armee, es ermöglicht 200.000 britische Soldaten und 140.000 andere Alliierte – vor allem Franzosen – zu retten.

Der Westfeldzug in den Benelux-Staaten und Nordfrankreich dauerte lediglich drei Wochen, genau so lange wie der Polenfeldzug. Die Wehrmacht wendete sich nun nach Süden für den nächsten, großen Schlag: die verbliebenen Reste des französischen Heeres in der zweiten Phase des Westfeldzug auszuschalten.

Schlacht um Frankreich

Einmarsch deutscher Truppen in Paris.

Einmarsch deutscher Truppen in Paris.

Am 5. Juni 1940 schickten die Deutschen geringere Kräfte gegen den Rücken der Maginot-Linie und griffen dann in Richtung Süden an. Die deutschen Truppen drängten die französischen Verteidiger in ihren provisorischen Stellungen zur Seite und veranlassten die Flucht von Millionen von Zivilisten, welche verzweifelt versuchten, einem Gemetzel wie während des 1. Weltkrieges zu entkommen.

Die französische Regierung erklärte Paris zur ‘offenen Stadt’, was bedeutet, daß die Stadt nicht verteidigt werden würde und damit auch nicht zerstört werden müßte. Anschließend trat die Regierung am 16. Juni zurück und Marschall Philippe Petain, der alternde Held des 1. Weltkrieges, wurde zum ‘Führer des Staates’.

Waffenstillstand

Marschal Fochs Eisenbahnwaggon

Marschal Fochs Eisenbahnwaggon, in der die deutsche Delegation 1918 das Diktat der Sieger im 1. Weltkrieg annehmen mußte, wurde von Hitler als Ort für die Waffenstillstandsverhandlungen bestimmt.

Am 20. Juni unterzeichnete er einen Waffenstillstand, welcher den Westfeldzug beendete und die französischen Streitkräfte auf 100.000 Mann beschränkte und Frankreich verpflichtete, die Besatzungskosten zu übernehmen.

Der Waffenstillstand teilte Frankreich in drei Hauptteile. Deutschland besetzte eine Zone mit dem industriellen Norden, die gesamte Atlantikküste und die urbanisierte Region um Paris.
Italien, welches am 10. Juni opportunistisch den Krieg erklärt hatte, erhielt einen Streifen an der Riviera im Südosten und Korsika.
Abgesehen von einigen Teilen im Norden wurde der Rest zum ‘Unbesetzten Frankreich’ mit der Hauptstadt in Vichy und der Kontrolle über die Polizei, den Kolonien und der Marine, welche ihre meisten schweren Einheiten in Mittelmeer stationiert hatte.

Vichy-Polizei

Vichy-Polizei geht gegen Kommunisten vor.

Dieses ‘Vichy-Frankreich’ hatte einen quasi-faschistischen Charakter und einen katholischen Konservatismus wie er nur in Spanien gekannt wurde, was zu der Bereitschaft führte, Juden und Kommunisten an die Gestapo auszuliefern, was nach dem Krieg Ursache für bittere Vergeltung wurde.

Charles de Gaulle, kurz zuvor noch zum General befördert, floh in letzter Minute nach England und kündigte die Aufstellung der Frei-französishen Streitkräfte im Exil an. Die Vichy-Regierung ließ ihn dafür vor einem Gericht in Abwesenheit zum Tode verurteilen.

Die ‘Goldene Gans’

'Soldatenkaffee' in Paris

Das deutsche ‘Soldatenkaffee’ in Paris.

Frankreich wurde so nach dem Westfeldzug zur ‘Goldenen Gans’ des Dritten Reiches, welches nun die Hälfte aller kriegswichtigen französischen Industrieanlagen kontrollierte. Der Großteil seiner Schiffs-, Flugzeug-, Aluminium-, Kraftfahrzeug- und Gummi-Industrien, die Hälfte seines Stahls und Holz und ein großer Teil seiner Wolle, Chemikalien und Heu standen nun den Deutschen zur Verfügung.
Das französische Eisenerz macht es weniger dringend für die Deutschen, schwedische Erze einzukaufen. Französischer Treibstoff hielt die Fahrzeuge der Wehrmacht, Flugzeuge der Luftwaffe und Schiffe der Kriegsmarine am laufen, bis die Ölfelder Rumäniens und Russlands erreicht waren.
Französische Lebensmittel, wie pflanzliche Öle und Fette, Wein, Fisch, Fleisch und Mais versorgten das Deutsche Reich für vier Jahre.

Die französische Produktion entsprach dabei etwa ein Viertel des deutschen Bruttosozialproduktes. Aber die Kosten waren nicht nur ökonomisch, denn etwa 600.000 Franzosen starben während des 2. Weltkrieges, davon ein Drittel im Kampf. Die Vichy-Regierung schickte Tausende zur Arbeit nach Deutschland, zwangsverpflichtete noch mehr Tausende zur Arbeit in Minen und Fabriken und schickte 75.000 Juden in die Konzentrationslager. Bis 1944 waren Millionen von Franzosen inmitten eines reichen landwirtschaftlichen Gebietes unterernährt.

Ursachen der französischen Niederlage

Französische Soldaten ergeben sich

Mit erhobenen Händen gehen französische Soldaten in deutsche Gefangenschaft.

Wie konnte es passieren, daß Frankreich trotz seiner starken Festungslinie, einer zahlenmäßig größeren Armee mit mehr Panzern und genau so vielen Flugzeugen wie Deutschland und mit Unterstützung Großbritanniens und der Benelux-Staaten, trotzdem beim Westfeldzug so schnell geschlagen wurde ?
Es gibt vielerlei Gründe, beginnend mit dem Mangel an gemeinsamer Planung, sowohl mit den Belgiern als auch bei der militärischen Koordination mit Großbritannien. Dazu gibt es fünf weitere Hauptgründe.

Zum Ersten konzentrierten die Deutschen – im Gegensatz zu den Alliierten – ihre Panzer und Kraftfahrzeuge in spezielle motorisierte und gepanzerte Divisionen auf einen einzigen Abschnitt der Front. Nachdem sie einmal die Ardennen durchquert hatten, befanden sich in einer Gegend mit zahlreichen guten Straßen, wo die Entfernungen kurz waren und die Versorgungskolonnen Schritt halten konnten.

Zweitens – ebenfalls im Gegensatz zu den Alliierten – verwendeten die Deutschen die Doktrin der sich gegenseitig unterstützenden Waffengattungen. Panzer, Artillerie, Infanterie und vor allem Flugzeuge traten gemeinsam an und unterstützen sich gegenseitig. Stukas bombardierten die Zufahrtsstrassen und verursachten Chaos und Messerschmitt Bf 109 Jäger hielten den Luftraum frei und feuerten mit ihren Bordwaffen im Tiefflug auf feindliche Kolonnen, alles in enger Zusammenarbeit und Unterstützung der Bodentruppen.

Zum Dritten versagte die französische Aufklärung vollkommen. Die Franzosen sind niemals auf die Idee gekommen, daß die Deutschen durch die Ardennen angreifen würden. Sie platzierten also ihre schwächste Armee an das ‘Scharnier’ der Tür zur Westfront, welche unter den deutschen Panzern zerbrach.

Zum Vierten waren die französischen Nachrichtenverbindungen und Transporteinheiten schlecht ausgerüstet. In Deutschland wurden die wichtigsten Einheiten, einschließlich Fliegerstaffeln, mit Funkgeräte für die taktische Koordination ausgerüstet, bei den Franzosen kaum. Dazu konnten die französischen Verbände, immer unter den Mangel an Kraftfahrzeugen leidend, nicht schnell genug an die bedrohten Frontabschnitte herankommen.

Und zum Fünften war der deutsche Soldat überlegen, durchdrungen mit dem Gefühl der Rache für die Niederlage im 1. Weltkrieg und den schmachvollen Frieden von Versailles und durchdrungen von dem Expansionseifer der Nazi-Führung. Der deutsche Soldat ergriff öfter die Initiative und kämpfte härter, seine Kampfkraft war überlegen.
Die Moral der alliierten Truppen war anfangs zwar gut, aber nicht herausragend. Die französischen Soldaten waren kampfbereit, aber nicht auf den Kampf versessen – und an den entscheidenden Stellen, wie z.B. bei der Überquerung der Maas und bei anderen Schlüsselgefechten, machte dies den Unterschied aus.

So wurde der Fall Frankreichs durch den Westfeldzug zu einer der großen Katastrophen in der modernen Geschichte. Nur dieser Fall hat es Hitler ermöglicht, Unternehmen Barbarossa zur Eroberung Russlands zu beginnen und die Endlösung der Judenfrage umzusetzen. Beinahe wären die westlichen Demokratien besiegt worden.

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