Rommels Angriff auf Tobruk

Die Belagerung von Tobruk, April bis Dezember 1941 (Teil II). Hier zu Teil I

deutscher Stosstrupp vor Tobruk

Ein deutscher Stosstrupp hat sich mit Panzerunterstützung an die Drahthindernisse vor Tobruk herangearbeitet.

Rommels Angriff auf den Verteidigungsgürtel von Tobruk

Vor dem Hintergrund der Kämpfe auf dem Meer vor der Küsten und in der Luft, mutierte der Landkampf zu einem Artillerie-Bombardement und Scharmützeln zwischen Patrouillen, während Rommel, geläutert durch das scheitern seines ersten Vorstoßes, seine Truppen für einen Generalangriff vorbereitete.
Er wurde ungeduldig, da jeder Vorstoß über die libysch-ägyptische Grenze unmöglich war, solange Tobruk nicht erobert war. Aber er war nicht vor dem 30. April 1941 bereit dazu.

Der Angriff an diesem Tag begann mit durchgehenden Sturzflug-Angriffen von Ju 87 Stukas und Dauerbeschuß der Artillerie, gegen welche die Kräfte der Verteidiger beschränkt waren. Diese bekämpften die Stukas mit Flugabwehr- und Handwaffenfeuer und die britische Artillerie legte die feindlichen Geschützstellungen unter Feuer. Da die belagerte Garnison bis zur nächsten mondlosen Nacht, welche erst eine Woche später war, keine neue Lieferung von Munition zu erwarten hatte, mußte sie haushalten und jeder Schuß zählte.

 Stuka über dem Hafen von Tobruk

Eine Ju 87 Stuka (oben) über dem Hafen von Tobruk. Die Explosionswolken der Bomben sind deutlich zu sehen.

Die deutschen Stukas waren in der Luft unangefochten, da die Hurricane-Jäger der RAF-Staffeln nicht in der Lage waren, die unter Dauerfeuer stehenden Start- und Landebahnen zu benutzen. Auf diesen befanden sich ständig Krater der explodierten Granaten und auch die Werkstätten und Benzin-Lager wurden täglich beschossen. Am 25. April mußten daher die britischen Flugzeuge abgezogen werden.

Als die Stukas von ihren Zielen abliesen, griffen die Infanterie und Panzer den westlichen Abschnitt der Verteidigungsstellung um Tobruk an. Aber die Verteidiger waren weit davon entfernt, dadurch beeindruckt zu sein und so schlug den Deutschen und Italienern ein heftiges Feuer der britischen Artillerie und Panzer sowie von der australischen Infanterie entgegen.

Es war einer harte und bittere Schlacht. Rommel schrieb darüber später: ‘Die Australier haben mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit gekämpft. Sogar ihre Verwundeten nahmen selbst Schusswaffen in die Hand und verteidigten die Stellungen bis zum letzten Atemzug. Es waren ungeheuer große und kräftige Männer, die ohne Frage eine Art Elite-Truppe des britischen Empire darstellten – eine Tatsache, die auch im Kampf offensichtlich war.’

Am Ende des Tages war es den deutschen und italienischen Truppen gelungen, den Verteidigungsring um Tobruk zu durchdringen und eine 3 bis 3,5 km große Bresche in den westlichen Abschnitt der australischen Stellungen zu treiben. Darin befand sich der markante und wichtige Hügel von Ras el Madauar, von dem ein großer Teil der belagerten Festung überblickt werden konnte.
Aber obwohl die Kämpfe noch bis zum 4. Mai mit ungebrochener Härte anhielten, waren die Angreifer nicht in der Lage, ihren Einbruch zu erweitern.

Der Einbruch bei Ras el Medauar blieb jedoch eine ständige Bedrohung für die belagerte Garnison, und obwohl es auch bei den anderen Abschnitten der Verteidigungslinie sporadische Aktivitäten gab, hing die Verteidigung von Tobruk seit dem 4. Mai im Wesentlichen von der Lage in diesem westlichen Abschnitt ab. Hier waren die vorbereiteten und gut ausgebauten Verteidigungsstellungen durchbrochen und die sich gegenüber liegenden Soldaten mußten in hastig improvisierten Erdlöchern ausharren.
Es war nun sozusagen der weiche Unterbauch von Tobruk: die deutschen und italienischen Truppen gingen davon aus, wenn der Durchbruch gelingen konnte, dann war es an dieser Stelle. Deshalb wurde diesem Bereich die größte Aufmerksamkeit von allen gewidmet.

Stellungskrieg um Tobruk

Nachdem Tobruk einen Monat unter Belagerung gestanden hatte, war die Gegend um die Stadt mit ausgebrannten Panzern, Fahrzeugen und anderen Kriegstrümmern übersät. Die Stadt selbst war zu einem Trümmerhaufen geworden, in welchem nur ein Haus stehen blieb. Und dieses wurde, trotz der Tatsache daß es in der Trummerwüste wie ein einsamer Turm hervorragte, von General Morshead als sein operatives Hauptquartier benutzt.

Für die Verteidiger von Tobruk brachte jeder Tag eine neue Reihe von Problemen mit sich. Das heißt, zusätzliche Probleme, zu denen, welche schon normalerweise mit dem Wüstenkrieg verbunden sind: die merkwürdige Desorientierung durch eine eintönige Landschaft, die Tendenz sich im Kreis zu bewegen und extreme Temperaturen, sodaß man sich schon bei der Berührung eines in der Sonne stehen gelassenen Panzers die Hand verbrennen konnte.
So gab es weitere Probleme mit der Nahrung, an der zwar kein eigentlicher Mangel herrschte, aber die monotone Gleichartigkeit der Dosen-Verpflegung den Soldaten auf das Gemüt schlug. Dazu kam der üblicherweise in der Wüste herrschende Mangel an Wasser – und wenn es welches gab, schmeckte es immer salzig. Brot fehle fast völlig, aber dafür gab es zu allem Überfluss keinen Mangel an Flöhen, Fliegen und Ratten.

Feldflugplatz mit Ju 87 Stukas

Feldflugplatz mit Ju 87 Stukas in der Wüste.

Zu diesen Beschwerden gab es ein Problem, was es selten in den Annalen von belagerten Festungen gab. Die Flugplätze der Achsenmächte, von denen aus die Einsätze gegen Tobruk gemacht wurden, lagen so nahe, daß die Verteidiger das Flugzeug schon beim Anlaufen lassen ihrer Motoren vor dem Start hören konnten. Zwei Flugplätze, El Adem und Acroma, waren nur rund 16 km entfernt und einige der Verteidiger behaupteten, daß sie in den ruhigen Wüstennächten die Bodenmannschaften während derer Arbeit an den Flugzeugen singen hören konnten.

Nachdem die RAF-Jäger am 25. April zurückgezogen worden waren, gab es nur noch eine ständige Abwehrmaßnahme gegen die Bomber: die Flak der britischen Artillerie, verstärkt durch die im Hafen auf Schiffen vorhandenen Geschütze. Zwei Regimenter mit 3,7-inch-Fla-Geschützen sowie einige erbeutete italienische 102-mm-Kanonen und drei Regimenter mit 40-mm Bofors-Flak verblieben während der gesamten Dauer der Belagerung in Tobruk und feuerten auf alle neuen Angriffe von Horizontalbombern oder Stukas.

Während der unzähligen Angriffe eiferten die Fla-Kanoniere ihre Kollegen auf Malta durch eine Miniatur-‘Grand-Barrage’ nach, angesichts der großen Tapferkeit der deutschen Piloten, die manchmal weniger als 150-200 Meter über den Feuerstellungen hinweg fegten.
Während des Juli begannen die Stuka-Angriffe dann tatsächlich nachzulassen und es wurde möglich, auch Schiffe bei Tageslicht zu entladen. Lediglich die Flak-Kanoniere verhinderten ungestrafte Bombenangriffe und damit ermöglichten sie hauptsächlich, daß die Versorgungsschiffe entladen werden konnten und die Garnison versorgt blieb.

 britische Patrouille Tobruk

Eine britische Patrouille geht durch den Stacheldrahtverhau des Verteidigungsgürtels von Tobruk vor.

Der westliche Sektor um die Einbruchstelle bei Ras el Madauar hatte seine eigenen, besondere Probleme. Die felsige Natur des Bodens macht es fast unmöglich, sich tief einzugraben und an den Tagen, wo keine Kampfhandlungen stattfanden, lagen beide Seiten in ihren flachen Gräben und waren nicht in der Lage, sich auch nur zu bewegen.
Ein deutscher Bericht über die Zustände in diesem Frontabschnitt in diesem Zeitraum besagt: ‘Die Australier waren gute Schützen. Als Scharfschützen waren sie hervorragend. Selbst die banalsten Bewegung im Erdloch, bei welcher irgend ein Körperteil darüber schaute – und Peng ! – es hatte dich erwischt.’
Für ihre nächtlichen Patrouillen verwendeten die Australier Kreppsohlen, lange Hosen, Pullover und Baretts. Sie waren mit Maschinenpistolen und Handgranaten bewaffnet, und ihr Ziel war in den meisten Fällen nur eine einzige feindliche Stellung. In der Stille einer mondlosen Nacht näherten sie sich, warfen ihre Granaten hinein und verschossen die Magazine ihrer Maschinenpistolen darauf, bevor sie wieder so schnell und leise zurück zu ihren eigenen Stellungen verschwanden, wie sie gekommen waren.

Die deutschen Soldaten wendeten oft die gleiche Technik gegen die Australier und Briten an und gelegentlich trafen die Patrouille von beiden Seiten im Niemandsland aufeinander, worauf eine kurzes und heftiges Gefecht stattfand, bei dem es oft zum Nahkampf kam.

Verschlechterte Bedingungen in Tobruk

Im Laufe der Zeit wurden die Bedingungen in der belagerten Festung immer schlimmer – eine Tatsache, der sich Rommel sehr wohl bewusst war. In einem Schreiben nach Hause zu seiner Frau im Juni teilt er mit: ‘Wasser in Tobruk ist sehr knapp, die britischen Soldaten erhalten nur noch einen halben Liter pro Tag. Mit unserer Stukas hoffe ich, daß ihre Rationen noch weiter beschnitten werden. Die Hitze wird von Tag zu Tag schlimmer und . . . der Durst wird fast unstillbar.’

Churchill war auch sehr empfindlich auf die Bedeutung von Tobruk, und die Rolle, die es bei dem Feldzug im Nahen Osten spielen könnte. Nachdem Tobruk wieder einmal erfolgreich einen der vielen Angriffe der Achsentruppen abgeschlagen hatte, schickte er ein Telegramm: ‘Bravo, Tobruk ! Wir halten es für wichtig, dass Tobruk als Ausfalltor erhalten bleibt.’

Dies taten die Australier und Briten auch dort, wenn auch oft ihre Bemühungen durch Ereignisse an anderen Orten überschattet wurden. Die Augen der Welt waren auf die Luftlandung auf Kreta , dem deutschen Angriff auf Russland, und – etwas näher für die bedrängte Garnison – auf die gescheiterte Operation ‘Battleaxe’ gerichtet.
Dennoch setzten die australischen und britischen Truppen in Tobruk ihre Rolle fort, den entscheidenden strategischen Faktor für beide Seiten im Krieg in Nordafrika zu spielen.


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KretaTipp
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