Deutsche Kampfkraft

ReichskriegsflaggeDeutsche Kampfkraft im Ersten Weltkrieg

Im Ersten Weltkrieg boten die deutschen Streitkräfte insgesamt 11 Millionen Mann auf und erlitten fast genau 6 Millionen Mann Verluste. Die Aliierten boten nur gegen Deutschland etwa 28 Millionen auf, mehr als zweieinhalb Mal so viel.
Ihre Verluste betrugen beim Kampf gegen Deutschland, also nicht gegen Österreich-Ungarn, die Türkei und Bulgarien, etwa 11 Millionen Mann.

Deutsche Reservisten im Zug bei Kriegsbeginn

Deutsche Reservisten reisen siegessicher per Bahn zu ihren Sammelpunkten bei Kriegsausbruch.

Folglich tötete oder verwundete jeder mobilgemachte deutsche Soldat etwas mehr als einen Soldaten der Alliierten, aber es braucht fünf alliierte Soldaten, einen Deutschen außer Gefecht zu setzen.

Allerdings waren die Deutschen öfters in der Defensive, die Clausewitz als die stärkere Kampf­art bezeichnete. Die Erfahrung zeigt, dass verteidigende Truppen die Vorteile der ausgesuchten und vorbereiteten Stellung sowie der Sicht haben, die ihnen Mann für Mann ermöglichen, mehr Verluste zuzufügen, als der mehr exponierte und damit verwendbarer Angreifer zufügen kann.
Die moderne Forschung zeigt, dass dieser Faktor im 2. Weltkrieg etwa 1,3 betrug; er mag im 1. Weltkrieg etwas, aber nicht viel kleiner gewesen sein. Wenn man annimmt, dass 1,3 der Multiplikator für den Vorteil des Verteidigers über den Angreifer ist, so ergibt sich als ausgeglichene, nor­malisierte Basis insgesamt eine deutsche Überlegenheit beim Zufügen von Verlusten von 1 zu 4.

Eine moderne Methode der Untersuchung von vergangenen Gefechten und Schlachten bezeichnet die quantitative, auf den einzelnen Soldaten berechnete Fähigkeit einer Truppe, dem Gegner Verluste zuzufügen, als Treffer-Effektivität (score effectiveness), als Punktwertung oder Index der Effektivität.
Wäh­rend des gesamten Krieges hatten die Deutschen einen substantiell größe­ren Effektivitätsindex, was natürlich Kampfwert bedeutet, als die Alliier­ten. Die Kampfwertüberlegenheit zeigte sich wieder und wieder, von den Grenzschlachten 1914 bis zu den letzten verzweifelten Abwehrschlachten gegen Ende 1918.

t_arrow1siehe: Ergebnisse und Statistiken zu Schlachten des 1. Weltkriegs


Deutsche Kampfkraft gegenüber den Franzosen

Helmuth v. Moltke d.J.

Helmuth v. Moltke d.J. (1848-1916), 1906-1914 Chef des deutschen Generalstabs, hatte nicht die Nerven und Fähigkeiten den Plan seines Vorgängers Schlieffen umzusetzen.

Da ist zum Beispiel die Umfassungsbewegung der deutschen Armeen in Frankreich im August und im frühen September 1914, als General von Moltke die Siegesformel wegwarf, die Schlieffen ihm hinterlassen hatte. Seine nachgeordneten Generale und Soldaten vollbrachten Großartiges.
Auf ihrem Weg zur Marne verloren die sieben im Westen eingesetzten deutschen Armeen, insgesamt etwa 1,2 Millionen Soldaten, in den Grenz­schlachten mehr als 200.000 Mann. Aber die Franzosen, die damals mehr als 1,3 Millionen mobilisiert hatten, verloren 300.000 Mann und wurden in verlustreichen Niederlagen zurückgetrieben. Betrachtet man die zehn Tage der erbittersten Kämpfe dieser Periode, so zeigten die Deutschen eine score effectiveness, einen Effektivitätsindex von 3,1, die Franzosen nur von 1,8. Dabei marschierten die deutschen Armeen des rechten Flü­gelsunter ständigen Kämpfen etwa dreißig Kilometer am Tag.

An der Marne verband sich Moltke Unfähigkeit mit Joffres erstaunlicher Regenerationskraft, und brachte die Deutschen durch eine entschei­dende Niederlage zum Halten. Die Deutschen hatten sich durch strategi­sche Fehler an den Rand des Desasters manövriert. Dennoch konnten sie in dieser grimmigen und bitter umkämpften Schlacht Mann für Mann den Franzosen mehr Verluste zufügen als die Franzosen ihnen: 5,8 zu 5,2.

In den verbleibenden vier Kriegsjahren waren die Franzosen nie wie­der so leistungsfähig. Während dieser Zeit war der Effektivitätsindex der Deutschen immer viel größer als der Index der Franzosen, sowohl in der Offensive wie auch in der Defensive und gleichgültig, ob sie numerisch unterlegen oder überlegen waren.

Deutsche Kampfkraft gegenüber den Briten

Das Gleiche trifft auf die deutschen Schlachten gegen die Briten zu. Bei den großen britischen Offensiven an der Somme, bei Arras und in der dritten Flandernschlacht verursachten die Deutschen ständig zwei­mal mehr Verluste, als sie selbst erlitten. Das Gleiche traf zu, wenn die Deutschen angriffen, also für die beiden ersten Schlachten in Flandern und für die ersten Phasen der Offensiven an der Somme und der Lys im Frühjahr 1918.
In den letzten zwei Offensiven ließ jedoch Ludendorff seine überanstrengten und erschöpften Stoßtruppen weiterhin fruchtlo­se Angriffe gegen ausgeruhte britische und amerikanische Reserven und zudem unter dauernden Tiefangriffen der britischen Luftwaffe ansetzen. Mithin stiegen die deutschen Verluste steil an, während die Verlustrate der Alliierten fiel, sodass das Endergebnis bei diesen deutschen Offensi­ven eine deutsche Effektivität, Verluste zuzufügen, von nur 90 Prozent der britischen zeigt.

Insgesamt betrug die deutsche Überlegenheit beim Effektivitätsindex gegenüber den Briten durchschnittlich 1,49:1 und ge­genüber den Franzosen 1,53:1, war also fast gleich.

Deutsche Kampfkraft gegenüber den Amerikanern

Gegen die Amerika­ner an der Maas und in den Argonnen hatten die deutschen, vom US-Feindnachrichtendienst als ‘dezimiert und abgekämpft’ bewer­teten Divisionen einen Kampfwert von 1,04:1.

Alle Zahlen sind so adjustiert worden, dass sie den Verteidiger-Vorteil berücksichtigen. Mithin zeigen sie, dass in der Defensive und in der Offensive durchschnittlich zwei deutsche Soldaten drei der Alliierten gleich kamen.

Deutsche Kampfkraft gegenüber den Russen

Deutsche Infanterie auf dem Vormarsch

Deutsche Infanterie auf dem Vormarsch, 1918 in Frankreich.

Die Zahlen für die Ostfront sind weniger verlässlich und die Berechnun­gen der score effectiveness können durch die Massen der ungewöhnlich zahlreichen Gefangenen verfälscht worden sein, die von den Deutschen in solchen Schlachten wie bei Tannenberg, an den Masurischen Seen, in der Winterschlacht in Masuren und bei Gorlice-Tarnow gemacht wurden. Wenn man die Gefangenen dieser Schlachten unberücksichtigt lässt, ergibt sich für die Deutschen ein Effektivitätsindex von 2,8:1; nimmt man die Gefangenen hinzu, so ergibt sich eine deutsche Überlegenheit von 7,9:1; der Durchschnitt liegt bei 5,4:1.

Das verweist darauf, daß die deutschen Truppen auf einer breiten Front, mit viel Raum für Bewegungen und für überlegene strategische und taktische Führung, drei bis fünf Mal stärkere russische Truppen abwehren konnten.

Die Schlacht um Lodz bestätigt, dass es tatsächlich so war. Im November 1914 wurde eine russische Offensive auf Schlesien und Breslau in Westpolen nicht frontal, sondern durch Angriff in deren rechte Flanke von Lodz in Richtung Warschau abgewehrt. Hindenburg und Ludendorff hatten etwa 260.000 Mann in der 9. Armee dicht westlich von Lodz verfügbar. Großherzog Nikolaus hatte nördlich der Karpaten etwas über eine Million Soldaten, von denen etwa 400.000 in der Schlacht um Lodz teilnahmen. Die restlichen 600.000 Mann ge­hörten entweder zu nicht eingesetzten Reserven oder sie waren entlang einer Front verstreut, an der sie weniger als 100.000 Deutsche als Gegner hatten.
Mithin konnten die Russen trotz einer strategischen Überlegen­heit von etwa 3:1 auf dem Schlachtfeld nur eine Überlegenheit von 1,5:1 einsetzen. Das Ergebnis war eine erbitterte zweiwöchige Schlacht, die taktisch unentschieden blieb. Aber die Russen räumten sofort Lodz und wichen etwa 30 Kilometer in Richtung auf Warschau aus. Mit anderen Worten: Die Deutschen hatten trotz einer Unterlegenheit von 1:3 einen he deutenden strategischen Erfolg errungen.

Man kann nur spekulieren, wie der Erste Weltkrieg verlaufen wäre, wenn der Schlieffenplan treulich durchgeführt worden wäre. Sogar wenn man zu Recht annimmt, dass dann die Marneschlacht mit einem deut­schen Sieg geendet hätte, so bedeutet das noch keineswegs, dass Frankreich zusammengebrochen wäre. Und sogar ein Zusammenbruch Frankreichs bedeutete noch keineswegs, dass Großbritannien den Kampf – wie auch im kommenden 2. Weltkrieg oder wie zuvor bereits in den napoleonischen Kriegen – nicht auf eigene Faust fortgesetzt hätte.

t_arrow1Siehe auch:Ergebnisse und Statistiken zu 15 Schlachten des 1. Weltkriegs
Siehe auch: Deutsche Armee

KretaTipp
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