Jahr 1915

Die Situation an den Fronten im Jahr 1915.

Gasangriff vorbereiten

Deutsche Soldaten bereiten einen Gasangriff vor.

Beide Seiten unternahmen Versuche, an der Westfront durchzubrechen, welche aber kaum zu etwas führten, außer zu hohen Verlusten. Nicht einmal die deutschen Chlor- und Phosgen-Giftgasangriffe von April bis Dezember erreichten ein entscheidendes Ergebnis. Weiterhin wurden die britischen Operationen durch einen zutiefst besorgniserregenden Mangel an hochexplosiven Granaten behindert. Im ersten Winter des Stellungskrieges 1914/15 hatte der Befehlshaber des Britischen Expeditionskorps, Sir J. French, wiederholt um vermehrte Zuteilung von hochexplosiven Granaten für seine schweren Geschütze gebeten. Ihm wurde nur gesagt, daß er sparsam umgehen muß.
Im Frühjahr 1915 waren die britischen Geschütze, mit wenigen Ausnahmen, auf vier Granaten pro Tag beschränkt, welche auch ‘nur dann verwendet werden sollten, wenn es unbedingt notwendig ist’. Handgranaten mußten aus leeren Rindfleisch- und Marmeladen-Dosen improvisiert werden.
Kriegsminister Kitchener bestritt, nachdem er von Premierminister Asquith darauf angesprochen wurde, daß es einen Mangel an Granaten gab. Aber Oberst Charles Repington, der Kriegskorrespondent der Times, berichtete nach seiner Rückkehr von der Westfront, daß der britische Angriff auf Festubert im April fast ausschließlich deswegen scheiterte, weil es an Hochexplosivgranaten mangelte, welche die deutschen Soldaten aus ihren Stellungen hätten vertreiben können.

Am 21. Mai 1915 erschien eine Schlagzeile in der Daily Mail, welche ‘Die Tragödie mit den Granaten’ lautete. Die Zeitung behauptete, daß Kitchener ‘die Armee in Frankreich an hochexplosiven Granaten hat verhungern lassen’. Kitchener behauptete nun – vielleicht sogar mit einigem Recht -, daß seine Kommentare von Asquith falsch interpretiert worden wären. Wie auch immer, drastische Maßnahmen waren nun offensichtlich gefragt. Am 26. Mai kündigte die britische Regierung die Schaffung eines Ministeriums für Munition mit weitreichende Befugnissen an, welches von David Lloyd George geleitet wurde. Das Ministerium begann am 2. Juli 1915 seine Arbeit aufzunehmen und erreichte schnell spektakuläre Ergebnisse. Vier Monate später wurde ein inter-alliierte Munitionsorganisation gegründet, welche von Lloyd George und seiner ebenso dynamischen französischen Gegenstück, Albert Thomas, geleitet wurde. Im Frühjahr 1916 versuchten Kitchener einen brillanten Ingenieur, Herbert Hoover (den späteren US-Präsident) davon zu überzeugen, seine amerikanische Staatsbürgerschaft abzulegen und dem Munitionsministerium als Lloyd George späteren Nachfolger beizutreten. Allerdings war noch nichts engültig beschlossen, als Kitchener auf seiner Seereise nach Russland ertrank und Lloyd George das Kriegsministerium im Juni 1916 übernahm.

Kitchener hatte mit ungewöhnlicher Klarheit erkannt, dass der Krieg mindestens drei Jahre dauern würde und dass Deutschland ‘nur aufgeben wird, wenn es auf dem Boden liegt’. Er legte detaillierte Pläne für eine ‘Neue Armee’ mit 70 Divisionen (1,2 Millionen Mann) für das Jahr 1917 vor, welche aus Freiwilligen bestehen sollte, die nicht mit dem Territorialtruppen-System in Berührung gekommen waren. Als junger Freiwilliger im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 hatte Kitchener angewidert gesehen, wie die französischen Territorialtruppen sich vor der hastig improvisierten preußischen Armee der Loire aus dem Staub gemacht hatten.

French verließ das BEF im Dezember 1915 und wurde durch Haig ersetzt. Ein bitterer Streit über die alliierte Strategie war nun in vollem Gange. Haig und der neue Chef des britischen Generalstabs, Robertson, gehörte zu der genannten ‘Westfront’-Fraktion, welche für die gesamte Konzentration aller Truppen und Waffen in Frankreich eintraten. Die entgegengesetzte ‘Ost’-Fraktion (einschließlich Lloyd George und Churchill) befürworteten ein entschlossenes Handeln gegen die schwächeren Mitglieder unter den Mittelmächten: Österreich, Italien (welches dann jedoch im Mai 1915 in den Krieg auf Seiten der Alliierten trat) und der osmanischen Türkei.

Landung bei Gallipoli

Landung der alliierten Truppen am Strand von Gallipoli.

Das Osmanische Reich trat dem Krieg im November 1914 bei, war aber bis Anfang Februar 1915 an beide Fronten, im russischen Kaukasus und in der Nähe des Suezkanals, besiegt worden. Die Briten hatten angegriffen und das am Golf liegende türkisch-regierte Mesopotamien (heute Irak) besetzt, zunächst um ihre Ölfelder im Südwesten von Persien zu schützen. Eine starke anglo-französische Flotte griff die Dardanellen in Februar und März 1915 an und eine Landstreitmacht aus Australiern, Neuseeländern, Briten und Franzosen begann im April mit der Landung auf der Halbinsel Gallipoli, südwestlich von Konstantinopel. Wenn die Truppenlandung früher erfolgt wäre, hätte die Türkei aus dem Krieg geworfen werden können und ein ungehinderter Nachschubweg für Russland durch das Schwarze Meer eingerichtet werden können. Aber das alliierte Zaudern und die Verzettelungen führten lediglich zu einer Wiederholung der Zustände an der Westfront mit einem sinnlosen Abschlachten. Und ein britischer Herbstvorstoß den Tigris hoch bis nach Bagdad, um das Scheitern auf Gallipoli auszugleichen, endete flussabwärts in einem weiteren Stellungskampf bei Kut.

Abgeschnitten von größeren alliierte Munitionslieferungen mußten die Russen von April an nach und nach größere Geländeabschnitte vor den deutschen Offensiven aufgeben, welche mit einer überwätigender Konzentration von schwerer Artillerie vorgetragen wurden, im Süden unter Mackensen und im Nordwesten unter Hindenburg. Das gesamte Russisch-Polen, einschließlich Warschau am 4. August, wurde von den deutschen Truppen überrannt. Die Ostfront befand sich bis Ende September 500 km weiter östlich und die Armeen des Zaren hatten 2 Millionen Mann verloren, wovon die Hälfte Kriegsgefangene waren. Dazu kamen noch 3.000 Geschütze an Verlusten.
Der Zar selbst sah sich gezwungen, seinen Onkel, den Großfürsten Nikolaus am 5. September als Oberbefehlshaber persönlich abzulösen. Dadurch entzogen sich die wichtigen innenpolitische Ereignissen in der Heimat der Aufmerksamkeit des im Felde befindlichen Zaren und ließ ihn auch gleichzeitig zum persönlich Verantwortlichen für weitere militärische Niederlagen werden.
Kein Wunder, daß der deutsche Generalstabschef Falkenhayn der vollen überzeugen war, seine Ziele aus dem Frühjahr mit der ‘Ausschaltung der russischen Offensivkraft’ erreicht zu haben. Über das gut ausgebaute Eisenbahnnetz der Mittelmächte verlegte er einige seiner siegreichen Divisionen auf den Balkan, um Serbien auszuschalten, welches sich seit mehr als einem Jahr gegen die österreich-ungarischen Truppen zäh behauptete. In etwas mehr als sechs Wochen im Oktober und November überranten Mackensens Ostfront-Veteranen mit der Hilfe der Bulgaren die Serben. Die verbliebenen serbischen Truppen mußten in einem unvergessenen Wintermarsch durch die Berge nach Albanien marschieren, wo sie von alliierten Kriegsschiffen evakuiert wurden. Eine französisch-britische Landung bei Saloniki im eigentlichen neutralen Nordgriechenland erfolgte zu spät, um den Ablauf noch zu beeinflussen.

Karikatur zur italienischen Neutralität

Die Entente versucht den italienischen Soldaten, der an die Neutralität gefesselt ist, mit Geschenken (Triest und andere Gebiete) zum Kriegseintritt zu verführen.

Die vier Mittelmächte Deutschland, Österreich-Ungarn, Türkei und Bulgarien bildeten nun einen miteinander verbunden Block. Darüber hinaus wurde die Lage Österreich-Ungarns im Zweifrontenkrieg erheblich erleichtert, wodurch es dem opportunistischen italienischen Angriff am Isonzo und in den Alpen von Juni an gut auffangen konnten. Und der einzige Feind, welcher die Viel-Völker-Armee der Habsburger wirklich vereinte, waren die Italiener, welche Österreich-Ungarn in den Kriegen von 1848/49 und 1866 gedemütigt hatten.

Nun fühlte sich der deutsche Generalstabschef Falkenhayn im Dezember in der Lage, sein bevorzugtes strategisches Ziel anzugehen: die bereits leidgeprüften französische Armee niederzukämpfen, sodaß ‘der Knackpunkt erreicht werden würde, und England sein bestes Schwert aus der Hand geschlagen bekäme’. Die alliierte Entente sollte zusammenbrechen, bevor Kitcheners neues Millionen-Heer an der Westfront bereit sein würde.

Nur auf dem abgelegenen afrikanischen Kriegsschauplatz erzielten die Alliierten im Jahr 1915 einige klare militärische Erfolge. Die anglo-französischen Kolonialtruppen beendeten die hart erkämpfte Eroberung von Kamerun von Oktober 1915 bis Februar 1916. Dazu triumphierten Bothas Südafrikaner zwischen Februar und Juli 1915 über Deutsch-Südwestafrika, wo sie einen musterhaften Wüstenfeldzug mit hervorragender Logistik und Kommando-Unternehmen im Stil der Buren durchführten. Nach einem Jahr in der Defensive gegenüber Deutsch-Ostafrika konnten nun alle britischen Kolonialtruppen gegen diese letzte, sich widersetzende deutsche Kolonie eingesetzt werden.

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