Sinn Fein – David gegen Goliath

Die Resourcen von Daid und Goliath für den Osteraufstand in Irland 1916.
Teil II vom Osteraufstand. Zu Teil I hier !

Angehörige der irischen Bürgerwehr

Angehörige der irischen Bürgerwehr vor der Liberty Hall in Dublin.

Resourcen von David und Goliath

Eine weitere para-militärische Streitmacht war James Connolly mit seiner ‘Irischen Bürgerwehr’. Connolly war ein Sozialist, der im Jahre 1896 die Sozialistische Republikanischen Partei gegründet hatte. Er war ein ausgebildeter Soldat.
Im Jahr 1908 hatte James Larkin die ‘Irische Transport- und Allgemeine Arbeiter-Gewerkschaft’ gegründet. Als diese Gewerkschaft einen Streik in Jahr 1913 organisierte, wurde dieser Streik gewaltsam gebrochen. Daraufhin entschied Connolly, daß eine ‘Arbeiter-Verteidigungsstreitmacht’ benötigt wurde und schuf seine Bürgerwehr. Diese wurde von ihm selbst und dem einem ehemaligen Offizier der britischen Armee, Jack White, geführt.
Dies war vermutlich die effektivste militärische Truppe, welche den Republikanern zur Verfügung stand. Ihr Stärke war jedoch sehr gering. Als es zu den Kämpfen kam, zogen etwa nur 250 von ihnen aus, gegenüber 1.000 Mann von den irischen Freiwilligen Volunteers.

Countess Markievicz

Gräfin Markievicz, eine Sozialistin.

Unterstützung bekamen sie noch durch die Frauenorganisation. Gräfin Markievicz – eine irisch-stämmige Frau, geboren ein Gore-Booth, und aristokratischer Abstammung – war einer ihrer prominentesten. Sie kämpfte als Offizier der Bürgerwehr während des Osteraufstandes und sie war nicht nur Patriotin, sondern auch Sozialistin.
Daneben gab es noch die sogenannten ‘Fianna Boys’, welchen bei den Übungen vor dem Aufstand viel Spaß daran hatten, wie es wohl die meisten Jungs haben. Doch sie zeigten auch Mut und Einfallsreichtum als daraus Ernst wurde. Sie wurden als Boten, Läufer und ähnliches eingesetzt.

Doch gegen diese irische Truppen stand – zumindest auf dem Papier – eine eindrucksvolle Streitmacht.

Um Irland unter Kontrolle zu halten, stützten sich die Briten in erster Linie auf die Royal Irish Constabulary, eine Art bewaffneter Polizei, welche weitgehend in Kasernen stationiert war und rund 10.000 Mann stark war. Sie waren fast ausnahmslos alle Iren, kannten ihre Bezirke gründlich, und waren im Jahr 1916 – mit ganz wenigen Ausnahmen – völlig loyal gegenüber der britischen Krone. Sie waren gut ausgebildet und gut ausgestattet, nur mäßig unbeliebt (die Iren lieben im allgemeinen Polizisten wenig) und gut informiert.
Das englisch Hauptquartier war Dublin Castle, und ‘die Burg’ verließ sich auf den RIC als Nachrichtendienst.

In Dublin selbst war die Polizei nicht bewaffnet, obwohl natürlich Waffen in Arsenalen zur Verfügung standen. Sie zählten etwa 1.000 Mann und waren nach dem Vorbild der Londoner Polizei organisiert.
Eine Sondereinheit befasste sich mit der politischen Szene. Durch deren Ermittlungen und eine allgemeine Infiltration der irischen republikanischen Politiker sollte Dublin Castle eigentlich gewußt haben, was der IRB plante. Es sieht jedoch so aus, daß diese Sondereinheit nicht besonders erfolgreich war und auch den IRB nicht tiefer infiltrieren konnte.
Allerdings trifft wohl dafür auch die Schuld diejenigen in Dublin Castle, an welche der Dienst seine Berichte geschickt hatte. Denn die richtigen Schlüsse aus Aufklärungsinformationen zu ziehen, ist wichtiger als diese nur zu beschaffen.

Und hinter diesen ‘Besatzungstruppen’ stand noch die große Britische Armee in Irland und – besonders in Kriegszeiten – die praktisch unbegrenzten Reserven in Großbritannien.
Wenn es also eine bloße Frage der Truppenstärke war, dann gab es keine Hoffnung für die Iren.

Bei den Feuerwaffen war das David-zu-Goliath-Verhältnis noch ausgeprägter. Vor dem Ausbruch des 1. Weltkrieg hatten die Ulster Volunteers rund 35.000 deutsche Gewehre und die Irish Volunteers etwa 1.000 Stück gekauft.
Dagegen verfügte die britische Armee natürlich über alles und in ausreichenden Mengen, einschließlich Artillerie aller Art.

Die Iren unternahmen den Versuch, dies zu korrigieren, indem sie Gewehre und Kanonen aus Deutschland bekommen wollten. Sir Roger Casement, ein Ire mit einer großen Vergangenheit, reiste über das neutrale Amerika nach Deutschland. Er war es, der die Waffen für den Osteraufstand bringen sollte, wie es der IRB vorgesehen hatte.
Seine Mission scheiterte jedoch. Der britische Marine-Geheimdienst hatte einige deutsche Kodierungsschlüssel gebrochen. Die britische Marine war somit in der Lage, das deutsche Schiff mit der Waffenladung abzufangen. Casement wurde umgehend verhaftet, als er von einem deutschen U-Boot in der Nähe von Tralee im County Kerry am Karfreitag an Land gesetzt wurde. Später machten die Engländer ihm den Prozeß und hängten ihn als Verräter.

Die Waffen, auf welche die Iren gesetzt hatten – selbst bei ihre geringen Hoffnungen – waren nicht angekommen. Waren sie trotzdem bereit noch weiter zu gehen ?

Sinn Fein

An dieser Frage scheiden sich die unterschiedlichen Persönlichkeiten und Motive. Deshalb muß an dieser Stelle auf die Männer eingegangen werden, welche beteiligt waren. Die Engländer und die Iren – und was Sinn Fein wirklich bedeutet.

Sinn Fein wird in der Regel als ‘uns allein’ übersetzt, und dies ist vielleicht die beste Ableitung aus einem komplizierten irischen Sprachgebrauch.

Es bedeutet vor allem und vor jedem, eines: Unabhängigkeit von der britischen Herrschaft. Aber da die irische Geschichte in jenen Tagen so viel mit zeitgenössischer irischer Politik verbunden war, gab es eine sekundäre Bedeutung. Für viele Jahrhunderte hatte die Iren auf die Hilfe von Englands Feinden gehofft, um ihre Fremdherrschaft loszuwerden.
Die Spanier und Franzosen hatten sie im Stich gelassen, wie es die Deutschen 1916 tun werden. Dies lag nicht so sehr daran, daß die Feinde Großbritanniens Angst davor hatten, die Engländer auf irischem Boden zu besiegen, sondern wegen der besonderen geographisch-militärischen Lage, wie Ebbe und Flut und den ungünstig vorherrschenden Winden.
Dadurch bedeutete Sinn Fein auch, daß die Iren auf sich alleine gestellt sind, um sich von der britischen Vorherrschaft zu befreien. Füre die Briten wurden die ‘Shinners’ in den folgenden Jahren zum Inbegriff von gewalttäigen Republikanismus in Irland.
Tatsächlich war diese Partei aber, welche ihre erste Jahrestagung erst 1905 hatte, im wesentlichen demokratisch. Sie stellt einen Parlamentskandidaten in der Leitrim-Wahl von 1908, welcher aber unterlegen war.
Aber mit der Zeit gewann die wachsende Zahl von Extremisten aus Redmonds Nationalistischer Partie die Oberhand.

Arthur Griffith, ihr Führer und zugleich auch der Herausgeber des United Irishmen, war nie ein Fanatiker gewesen. Er glaubte an Taktieren im Rahmen der Verfassung und war damit weit weniger ein Extremist als viele der IRB-Führer. Aber im Gegensatz zu Redmonds und Parnells alter Partei, vertraute er nicht mehr dem Bündnis mit der liberalen Partei in Großbritannien: ‘Wir wollen alleine sein’. Für viele junge Männer war dies eine sehr attraktive Idee.

Die britischen Herrscher waren im Großen und Ganzen nur schemenhaft. Die liberale Regierung in London widmete zwangsläufig fast alle ihre Aufmerksamkeit auf den gigantischen Kampf auf dem Kontinent.
Da Irland im Jahr 1916 ruhig erschien, wurden weder die besten Politiker oder Verwalter, noch die besten britischen Soldaten in das Land geschickt. Augustine Birrell war der Staatssekretär. Besessen – so hieß es -, von extremen persönlichen Charme, ist er ein Bücherwurm und ehemaliger Schreiber, dessen Büch jetzt vergessen waren, aber zu ihrer Zeit eine erhebliche Wertschätzung genossen hatten. Es sieht so aus, als habe er seinen Posten in Dublin – welcher eigentlich der leitende Kopf der Verwaltung sein sollte – als eine Nebenaufgabe zu seiner Karriere als Literat angesehen und verbrachte den größten Teil seiner Zeit damit, in London ‘charmant’ zu sein.

Sein wichtigster Assistent als Staatssekretär und verantwortlich für alle politischen Vorgänge, war der erfahrene Zivilverwalter aus der Kolonialverwaltung, Sir Matthew Nathan. Dieser scheint zu wenig Verständnis für das irische Temperament gehabt zu haben und war am glücklichste hinter seinem Schreibtisch haben, um sich um den routinemäßigen ‘Papierkram’ zu kümmern.
Der Oberbefehlshaber, welcher die britische Armee in Irland befehligte, war Generalmajor Field. Dieser schien am meisten von allen keine Ahnung davon gehabt zu haben, was in Irland eigentlich los war.

Lord Wimborne

Lord Wimborne, der britische Lord-Leutnant.

Und schließlich war es Lord Wimborne, der Lord-Leutnant und des Königs Vertreter, welcher über der britischen Verwaltung als eine Art konstitutioneller Monarch mit aller Macht – aber auch mit den meisten von dessen Einschränkungen – herrschte. Aber er kannte Irland zu mindestens gut. Er hatte das Land-Gesetzt von 1903 unterstützt, welchen die irischen Landarbeiter durch vorteilhafte Veränderungen in der Pachtbeziehung befriedet hatte. Er war beliebt bei der irischen herrschenden Klasse, ebenso wie es Birrell war – aber im Gegensatz zu seinem Staatssekretär achtete letzterer nicht auf die sich entwickelnde Lage.

Wie schon erwähnt, hatte der britische Nachrichtendienst die verschiedenen irischen Widerstandsbewegungen infiltriert. Es muß davon ausgegangen werden, daß die Aufständigen nicht viele Geheimnisse gegenüber Dublin Castle bewahren konnte. Und Dublin Castle wusste definitiv, daß ein Aufstand stattfinden sollte, sobald Casement mit seinen deutschen Waffen angelandet war.

Die letzten Stunden vor dem Osteraufstand

Am 21. April 1916 betrat Casement Irland und wurde sofort verhaftet. Lord Wimborne, der sich in Belfast aufhielt, beendete dort seinen Besuch und verlangte am Sonntag den 23. April – nur wenige Stunden vor Beginn des Aufstandes – von Nathan, daß dieser sofort zwischen 60 und 100 der irischen Führer verhaften soll. Wäre dies durchgeführt worden, scheint es unwahrscheinlich, daß ein Aufstand in dieser Zeit stattgefunden hätte. Allerdings war es zu diesem Zeitpunkt wohl zu spät gewesen für eine derartig umfassende Polizeiaktion. Die Männer der Bürgerwehr und die noch militanteren Volunteers waren schon bewaffnet und bereit zum Kampf.
So überzeugte Nathan seinen ‘konstitutionellen Monarchen’, daß keine Eile geboten wäre – und Birrell hielt sich in London auf.

Es scheint wahrscheinlich, dass Nathans Geheimdienst ihn darüber informiert hatte, was nach der Verhaftung von Casemant bei den Irish Volunteers passiert ist. Dort hatte MacNeill entschieden, daß ohne die deutschen Waffen der Aufstand abgesagt werden oder zumindest verschoben werden müsse.
Jedoch wußte Nathan offensichtlich nicht, daß diese Entscheidung die Volunteers entzweite, und daß der IRB fast geschlossen hinter Patrick Pearse und den anderen irischen Patrioten stand, welche selbst unter diesen unvorteilhaften Umständen – ja beinahe selbstmörderisch – den Aufstand durchführen wollten.

Das klingt zwar auf dem Papier alles sehr ordentlich und generalstabsmäßig geplant, aber in Wirklichkeit war die Lage eher chaotisch mit Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen führenden Persönlichkeiten, Befehlen und Gegenbefehlen und einer Menge Zwietracht.
Tatsächlich war MacNeills vorweggenommene Entscheidung, den Aufstand abzusagen und Pearses Befehl, ihn doch durchzuführen, das Totengeläut für die Irish Volunteers und der Nationalistischen Partei, dessen bewaffnete Streitkräfte sie sein sollten.
Nach dem gescheiterten Aufstand trennten sich die politischen Führer der gegen die britische Herrschaft über Iraldn feindlich gesinnten Kräfte von der Sinn Fein, während diejenigen, welche im Osteraufstand gekämpft hatten, zum Kern der Irisch-Republikanischen Armee wurden.

Sicherlich konnte MacNeills Absage des Aufstandes in praktisch letzter Minute, welche er durch Jungen auf Fahrrädern im ganzen Land verkünden lies und welche sogar in den Sonntagszeitungen bekannt gegeben wurde, Nathan nicht verborgen geblieben sein. Er mußte zwar die Möglichkeit berücksichtigen, daß wahrscheinlich ein paar Hitzköpfe diese Entscheidung ignorieren werden, aber dafür würde der überwiegende Teil der Irish Volunteers aufatmen. Und die katholische Kirche, welche die Engländer oft eine übertriebene politische Bedeutung in Irland wegen deren erheblichen Unterschied zum anglikanischen Klerus in England zurechneten, würde MacNeill und die Masse seiner Anhänger unterstützen, sich mit dem Versprechen einer nach dem Krieg womöglich einzuführenden und ausgedünnten Home Rule zufrieden zu geben.

Die Handvoll verbleibender Extremisten könnte man – wenn auch nicht so leicht, wie sich die Engländer das vorgestellt hatten – mit den überlegenen Kräften leicht begegnen. So wurden keinerlei besondere Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, obwohl Lord Wimborne sehr beunruhigt war.
So befanden sich am Ostermontag doch tatsächlich viele britische Offiziere bei den Pferderennen in Fairyhouse.

Der Osteraufstand war selbstmörderisch. Patrick Pearse war sich dem gut bewusst. Bevor es passierte, sagte er zu seiner Mutter: ‘Der Tag wird kommen, an dem ich erschossen werde, hinweggespült und alle meine Mitstreiter mit mir.’ Als seine Mutter nach ihrem anderen Sohn William erkundigte, welcher auch ein radikaler Nationalist war, soll Pearse gesagt haben: ‘Willie ? Erschossen wie die anderen. Wir werden alle erschossen werden.’. Und James Conolly soll angemerkt haben: ‘Die Chancen gegen uns sind Tausend zu Eins.’
Am Morgen des Aufstandes, als er von einem seiner Männer gefragt wurde, ob es irgendeine Hoffnung gäbe, antwortete er fröhlich: ‘Nicht die geringste !’

Es war schwer für die Stabsoffiziere und Kolonialverwalter von Dublin Castle, welche daran gewöhnt waren die Möglichkeiten an ihren eigenen Handlungen abzulesen, zu erkennen, daß es eine Gruppe von vielleicht 1.250 Männern (die Bürgerwehr ignorierte MacNeill) bereit wären, unter solch ungünstigen Umständen zu kämpfen und zu sterben.
Aber sie sollten in diesen Zeiten eigentlich klüger gewesen sein: Langemarck passierte, Verdun war am laufen, die Somme wurde geplant. Selten in der Geschichte waren Männer so bereit gewesen – wenn nicht vielleicht sogar eifrig – ihr Leben für Ideale wegzuwerfen. Fast für jedes Ideal, und das irische hatte tiefe Wurzeln.

Die Männer zogen aus, um zu kämpfen !


t_arrow2 Hier zu Teil I: Osteraufstand

t_arrow1 Hier zu Teil III: Osterwoche 1916 in Irland

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