Piloten-Training ab 1942

Piloten-Training der deutschen Luftwaffe im 2. Weltkrieg ab 1942 (Teil II).

 Fortgeschrittenen-Trainer vom Typ Arado 96

Fortgeschrittenen-Trainer vom Typ Arado 96 der Piloten-Ausbildungsschule in der Nähe von Paris im Februar 1942.

Niedergang des Piloten-Trainings

Die Luftschlacht um England war der erste große Rückschlag der deutschen Luftwaffe, aber der Großteil der Verluste an ausgebildeten Besatzungen konnte durch den Rückgriff auf die Reserven ausgeglichen werden. Darüber hinaus ermöglichte die vergleichsweise geringe Verlustquote während der ersten Hälfte des Jahres 1941, die verbleibenden Lücken in den Reihen aufzufüllen, ohne die Ausbildungsorganisation übermäßig zu strapazieren.

Der gewaltige Anstieg der Verluste seit Beginn des Feldzuges in Rußland (Juni 1941) forderte von der Flugausbildungsorganisation jedoch Anstrengungen, welchen sie auf Dauer nicht gewachsen war. Während der ersten sechs Monate des Feldzuges im Osten hatte die Luftwaffe in allen Kategorien, aufgrund aller möglicher Ursachen und auf allen Kriegsschauplätzen zusammen 2.200 Opfer unter den Flugzeugbesatzungen. Während der nachfolgenden sechs Monate ging dann eine fast gleich große Zahl von Männern verloren.

Der Feldzug in Rußland erzeugte auch von anderer Seite Druck auf die Flugausbildung: Anfang 1942 wurden viele Ju52-Transportflugzeuge, zusammen mit ihren Flugausbildern, von den C-, Blindflug- und Bomber-Schulen abgezogen und nach Rußland geschickt, um die Lufttransportverbände zu verstärken, welche die abgeschnitten deutschen Truppen in den Kesseln von Demjansk und Cholm zu versorgen hatten. Aufgrund der eingetretenen Verluste und dem Mangel bei den Frontverbänden kehrten viele dieser Flugzeuge, Ausbilder und Besatzungen niemals mehr zu ihrer Ausbildungsorganisation zurück. Später im Jahr führte die stetig ansteigende Anzahl der Flugzeugeinsätze über den Fronten zu einer Verknappung des Flugbenzins, woran wiederum zuerst die Flugausbildung an den Schulen litt.

Der Mangel an Flugausbildern, geeigneten Flugzeugen und Treibstoff warf das Ausbildungsprogramm für Bomber- und Aufklärer-Besatzungen aus der Bahn, wodurch es kurzfristig einen Überschuß an teilweise ausgebildeten Piloten von den A/B-Flugschulen gab, aber gleichzeitig einen Mangel an voll ausgebildeten Flugzeugbesatzungen bei den Ergänzungseinheiten. Im Juli 1942 brachte der Leiter der Luftwaffen-Ausbildungsorganisation, General Kühl, diesen Umstand Göring gegenüber zur Kenntnis, und daß dies eine unmögliche Situation für die C-Flugschulen wäre. Wie so oft, hatte der Reichsmarschall eine schlagfertige Antwort: Er ordnete an, daß die C-Schulen aufgelöst werden sollten und deren Aufgaben von den Ergänzungseinheiten übernommen werden sollten.
Dies überstieg die Kapazitäten letzterer, da sie weder ausreichend Flugzeuge noch Instruktoren für den plötzlichen Zustrom an Flugschülern hatten, und so begannen viele von ihnen damit, diese an die Einsatzgruppen für die Vervollständigung der Ausbildung weiterzureichen. Das Endergebnis dieser verworrenen Situation war, daß das allgemeine Niveau des Ausbildungsstands für die neuen Besatzungen der Bomber- und Fernaufklärer-Einheiten so niedrig wurde, daß die operativen Einsätze darunter zu leiden begannen.

Während des Jahres 1943 konnte der neue Leiter der Ausbildungsorganisation, Generalleutnant Kreipe, die Situation verbessern und verhindern, daß sich die Lage noch schneller verschlechterte. Aber auch einfache Notlösungen, wie die Einführung kurzer Segelfliegerkurse zu Beginn der Ausbildung, konnte nicht über den Mangel an guten Ausbildern, modernen Flugzeugen und vor allem Treibstoff hinwegtäuschen.

Mit Beginn des Jahres 1944 kamen neue deutsche Jagdfliegerpiloten mit rund 160 Flugstunden zu ihren Einsatzverbänden, was aber im Vergleich zu der mehr als doppelten Anzahl an Flugstunden bei ihren Gegnern von der RAF und USAAF immer noch viel zu wenig war.

Während der ersten Hälfte des Jahres 1944 erlitten die Tagjägerverbände der Luftwaffe durch die besser ausgebildeten US-Piloten der Langstreckenjagdflugzeuge vom Typ P-51 Mustang, welches zudem noch jedem anderen deutschen Flugzeug zu dieser Zeit überlegen waren, zahlreiche Verluste. In diesem Zeitraum verloren die Tagjäger-Verbände der Reichsverteidigung rund 2.000 Piloten durch Tod, Verwundung oder als Vermisste.

Als die Luftwaffen-Ausbildungsorganisation versuchte, diese schweren Verluste durch eine gleich große Anzahl von Ersatzpiloten auszugleichen, war das Ergebnis ein Teufelskreis: die zu kurz und schlecht ausgebildeten Jagdpiloten waren keine Gegner für den Feind und erlitten noch schwerere Verluste. Und ihre Reihen wurden wiederum durch noch schneller und schlechter ausgebildete Piloten aufgefüllt, welche noch weniger ernstzunehmende Gegner für die alliierten Piloten waren.

Während des späten Frühjahrs vielen die Normen weiter, als die B-Schulen aufgelöst wurden. Jagdpiloten wurden nun mit nur noch etwa 112 Flugstunden in den Kampf geworfen, welche sich wie folgt zusammensetzten: Zwei Stunden mit den Segelfliegern und 50 Stunden Motorflug auf Basistrainern in den A-Schulen, 40 Flugstunden in einer Jagdflieger-Schule, 20 Stunden bei der Ergänzungsgruppe.
Außerdem kam noch das so genante Windhund-Programm hinzu, welches bisherige Bomber-Piloten übereilt mit nur 20 Flugstunden zu Jagdfliegern umschulen sollte.
Zusammengenommen waren dies Maßnahmen, welche einen Zustrom von Piloten erzeugten die kaum in der Lage waren, sich gegen den Feind zu behaupten.

Im September 1944 erhielt dann die Luftwaffen-Ausbildungsorganisation ihren Todesstoß, als die alliierten strategischen Bomber systematisch die deutsche synthetische Kraftstoff-Industrie zerschlugen. Die Produktion von Flugbenzin viel so weit unter die Anforderungen der Luftwaffe, daß sogar ihre Kampfeinsätze eingeschränkt werden mußten. Unter solchen Bedingungen konnten die bisher sowieso nur als Stiefkinder behandelten Flugschulen nicht lange überleben. Erst wurden die Grundschulen und viele der Fachschulen geschlossen, und nachdem die letzten Flugschüler die speziellen Jagdfliegerschulen durchlaufen hatten, wurden diese ebenfalls aufgelöst und ihre Ausbilder an die Front geschickt.

Im Februar 1945 hatte der Ausbildungsbetrieb der Luftwaffe praktisch aufgehört zu existieren.

t_arrow1 Siehe auch: Piloten-Training der Luftwaffe vor 1942 (Teil I)


MEHR DARÜBER:

Bookmark the permalink.

Leave a Reply