Aufhebung der Belagerung von Tobruk

August 1941 bis zur Aufhebung der Belagerung von Tobruk im Dezember 1941 (Teil III). Hier zu Teil II

Britische Truppen erreichen Tobruk

Britische Truppen haben die Belagerung von Tobruk am 10. Dezember 1941 aufgehoben.

Abzug der Australier

Ab August 1941 erhielt Churchill von der australischen Regierung Forderungen nach einem Rückzug derer Truppen aus Tobruk. Bereits als erste Reaktion auf diesen Druck, hatte Auchinleck eine der australischen Brigaden durch die polnische Karpaten-Brigade unter Generalleutnant S. Kopanksi abgelöst, aber dies war nicht genug.
Bis Anfang September war Fadden, Premierminister von Australien, fest entschlossen geworden, daß alle australischen Truppen aus Tobruk zurückgezogen werden müßten. Der Grund, den er dafür vorbrachte, war: ‘… um ihnen Gelegenheit zur Erholung, Wiederherstellung der Disziplin und Neuausrüstung zu geben, sowie die öffentliche Meinung in Australien ruhig zustellen.’
Von der australischen Regierung wurde auch gesagt, daß sie ‘besorgt über den Rückgang des gesundheitlichen Zustandes ihrer Truppen in der Festung sei, und vor der Gefahr einer Katastrophe, welche sich bei einer weiteren Reduzierung des Gesundheitszustandes im Falle eines entschlossenen Angriffs abzeichnete.’

Allerdings scheint es keine Beweise dafür zu geben, dass die australischen Truppen von sich aus lautstark ihre Ablösung verlangt hätten. Sie hatten fünf Monate lang mit Nachdruck und Entschlossenheit unter den schwierigsten Bedingungen gekämpft, und sie hätten wahrscheinlich die Belastungen auch länger durchgehalten, wenn es ihnen befohlen worden wäre.
Im September wurde der Rest der Australier dennoch durch die 70. britischen Division ersetzt. Deren Befehlshaber Generalmajor R M. Scobie übernahm auch das Kommando über die Garnison von Tobruk.

Es war kein einfacher Austausch. Die Schiffe, welche die britische 70. Division hereinbrachen und die Australier mit zurück nahmen, unterlagen dabei heftigen Luftangriffen, bei denen der Minenleger Latona versenkt und der Zerstörer Hero beschädigt wurde.

Britische leichte Artillerie auf LKW's

Britische leichte Artillerie auf LKW’s bei der Verteidigung von Tobruk.

Als die polnische Brigade Mitte August eintraf, teilte General Morshead ihnen den vergleichsweise ruhigen, südlichen Abschnitt zu. Erst nach ein paar Wochen übernahmen sie, zusammen mit der Durham Light Infantry und den Black Watch, den westlichen Abschnitt an der feindlichen Einbruchsstelle.

Bis zu diesem Zeitpunkt zeigte dieser Abschnitt alle Anzeichen einer viermonatigen Belagerung. Das ‘Niemandsland’ zwischen den feindlichen Vorposten war dicht mit einem Teppich aus Minen und Sprengfallen überzogen und es lagen verstreut unbegrabenen Leichen von Soldaten beider Seiten herum.
Dafür befanden sich die Verteidigungsstellungen – wenn sie überhaupt so genannt werden konnten – in dem gleichen, primitiven Zustand wie zu beginn. Es waren nur schmale und flache Gräben, in denen es keinen Platz zum sitzen oder knien gab. An einigen Stellen gab es sogar nichts anderes, als flache, aus Steinen improvisierte Brustwehren.

Die exponierte Art der Vorwärtsverteidigung im westlichen Abschnitt machte jede Bewegung im Tageslicht unmöglich. Wenn erst einmal die Sonne aufgegangen war, konnte die Truppe nicht mehr ihre primitiven Stellungen verlassen, noch konnten Reserven oder Nachschub sie erreichen. Selbst das nackte Überleben wäre unmöglich geworden, hätte es nicht eine der seltsamen gegenseitigen, unausgesprochenen Vereinbarungen, wie sie manchmal in Kriegen an einigen Stellen vorkommt, gegeben.
Beide Seiten beachteten eine inoffizielle, zweistündige Feuerpause, welche mit der Dämmerung begann. Während dieser Zeit eröffnete niemand das Feuer auf den Gegner und die Soldaten beider Seiten konnten sich sicher aus ihren engen Stellungen herausbewegen. Lebensmittel, Wasser und Munition konnten zu den vordersten Linien herangebracht werden und das Leben konnte für die Soldaten beider Seiten etwas erträglicher gestaltet werden.

Jede Nacht zeigten die Deutschen das Ende des zweistündigen Waffenstillstand durch das Feuern einer Salve von Leuchtspurgeschossen in die Luft an, und danach herrschte ‘Business as usual’.

Eine weitere, gegenseitig akzeptierte Gewohnheit, war das Hissen einer Rot-Kreuz-Flagge, wenn ein Soldat verwundet wurde. Das Feuer zog von dieser Stelle ab und Krankenträger konnten sich der Stelle nähern, wo der Verwundete lag. Es kam sogar in zwei oder drei Fällen vor, daß es Krankenwagen erlaubt war, unbehelligt auf das Schlachtfeld zu den Rot-Kreuz-Flaggen zu fahren, wenn die Verluste außergewöhnlich hoch waren.

Polnische Truppen in Tobruk

Polnische Soldaten in Tobruk

Polnische Soldaten bei der Verteidigung von Tobruk.

Als die polnischen Truppen den westlichen Abschnitt von den Australiern übernahmen, war es ihr erster Instinkt, derartige Waffenstillstandsvereinbarungen nicht anzuerkennen. Sie waren alle Männer, welche unter großem perönlichen Risiko vor den Deutschen entkommen waren, welche auch noch brutale Unterdrückungsmethoden in ihrem Heimatland anwendeten. Daher gab es eine starke emotionale Ablehnung der Polen gegenüber allem, was nach der Art eines Paktes mit den Deutschen aussah.

Der polnische Kommandeur, General Kopanski, erkannte jedoch, daß jede Änderung des Verhaltens seiner Truppe an den üblichen Gewohnheiten, die Deutschen auf den Umstand aufmerksam machen würde, daß ein Austausch der Einheiten stattfindet, was die Verteidiger natürlich so lange wie möglich geheim halten wollten.
Dementsprechend befahl er seinen Bataillonskommandeuren, den Waffenstillstand weiterhin einzuhalten und die Waffenstillstandsvereinbarungen der Australier zu übernehmen, was sie schließlich auch mit einem gewissen Widerwillen taten
Nach einigen Tagen in diesem Abschnitt fingen die Polen jedoch auch von selbst an zu erkennen, welchen praktischen Wert der zweistündige,nächtliche Waffenstillstand hatte, da sonst ihre vorderen Stellungen unweigerlich an Durst und Hunger zu Grunde gehen würden.

Aber sie stellten das Hissen der Rot-Kreuz-Flagge so schnell wie möglich ein. Jede Stellung wurde mit medizinischer Ausrüstung versorgt und einige improvisierte Chirugie-Stationen eingerichtet, wodurch es in den meisten Fällen für die Verwundeten möglich war, auf ihre Evakuierung bis zum zweistündigen Waffenstillstand in der Dämmerung zu warten.
Trotzdem hissten die Deutschen und Italiener weiterhin ihre Rot-Kreuz-Flaggen zur Evakuierung ihrer Verwundeten bei Tageslicht. Obwohl die Polen nicht das Feuer auf die Träger eröffneten, half die Flagge – wie es General Kopanski ausdrückte – ‘stark bei der Lokalisierung der feindlichen Stellungen, wodurch es später effizienter möglich war, diese zu bekämpfen und weitere Opfer zu verursachen’.

Nachdem die Ablösung der 9. australischen Division durch die 70. britische Division abgeschlossen war, gab es jetzt in Tobruk drei Infanterie-Brigaden (14., 16. und 23.), eine Panzerbrigade (32., bestehend aus dem 1. und 4. Royal Tank Regiment und je einer Abteilung des 7. Royal Tank Regiment und der King’s Dragoon Guards), sieben Artillerie-Regimenter plus eine Flak-Artillerie-Brigade, eine tschechisches Bataillon, ein Maschinengewehr-Bataillon der Royal Northumberland Fusiliers, ein australisches Bataillon und – später – zwei neuseeländische Bataillone mit unterstützender Artillerie.

Aufhebung der Belagerung

Ausbruch britischer Infanterie Tobruk

Ausbruch britischer Infanterie durch die Stacheldrahthindernisse um Tobruk.

Dies waren die Streitkräfte, mit denen General Scobie befahl, aus Tobruk auszubrechen und sich mit der koordinierten Offensive der britischen 8. Armee zu verbinden: der ‘Operation Crusader’.

Im Inneren der belagerten Festung beschloss General Scobie, dass die Besatzung von Tobruk durch den Belagerungsring des Feindes im östlichen Abschnitt durchbrechen sollte, um auf die sich nähernden Einheiten der 8. Armee zu treffen. Das war die Aufgabe der 14. Infanterie-Brigade (Black Watch, Bedfordshire und Hertfordshire-Regiment, York und Lancaster-Regiment) unter seinem Kommandanten, Brigadegeneral B.H. Chappel, zusammen mit der Unterstützung der Panzer der 32. Tank-Bigade und den Maschinengewehrschützen der Royal Northumberland Fusiliers.

Der Ausbruch wurde für den 22. November für die Dämmerung geplant. Aber drei Stunden vor dem Ausbruch, sollte die polnische Brigade einen Ablenkungsangriff aus dem westlichen Abschnitt durchführen, welchem ein schweres Artilleriefeuer vorausgehen sollte.
Während der Stunden der Dunkelheit in der Nacht 21./22. November zogen die Truppen von Tobruk zu ihren befohlenen Ausgangsstellungen. In der Ferne konnten sie bereits den Lärm der heftigen Schlacht bei Sidi Rezegh hören, wo die britische 8. Armee bereits kämpfte, um zu ihnen durchzustoßen.

Alle warteten auf die Stunde Null – Briten, Polen, Tschechen, Neuseeländer und Australier – und waren zuversichtlich, dass die Belagerung von Tobruk beendet werden wird. Aber viel harte Kämpfe lagen noch vor ihnen. ‘Operation Crusader’ dauerte noch für viele Wochen weiterhin an und die Belagerung von Tobruk wurde nicht vor dem 10. Dezember aufgehoben, als eine ständige Landverbindung zwischen der Garnison und der Hauptmasse der britischen 8. Armee hergestellt werden konnte.

Danach konnten sich auch die Schiffe der Royal Navy von ihrer Aufgabe erholen, die einzige Verbindung zwischen Tobruk und dem Rest der Alliierten zu sein – eine Aufgabe, während der sie 34.000 Mann, 72 Panzer, 92 Geschütze und 34.000 Tonnen von Munition und Nachschub über einen Zeitraum von 242 Tage transportiert hatten.


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